Die Technische Stadt
mentalen Folgen. 5 Quer durch Europa entwickelten die Kommunen ein bürgerlich geprägtes Selbstverständnis als „Leistungsverwaltungen“, mit der zentralen Aufgabe, die als krisenhaft wahrgenommene urbane Lebenswelt durch Ausbau der technischen Infrastruktur nachhaltig zu verbessern. 6 Dass man für die Bereitstellung von Wasser und Licht, die Beseitigung von Müll und Abwasser, die Fortbewegung in immer weiter entfernte Stadtteile bis hin zur Kommunikation mit anderen Menschen in ein übergeordnetes technisches System eingebettet war, das all dies bereitstellte, wurde für immer größere Teile der Bevölkerung zur prägenden Alltagserfahrung. Jedes einzelne Gebäude fungierte als Knoten im urbanen Netzwerk, mit dem es durch Leitungen, Röhren und Drähte verbunden war. 7 Dass diese Infrastrukturen in Zentraleuropa zumeist unsichtbar unter der Erde lagen als Teil eines gewaltigen Ausbauprogramms des unterirdischen Städtebaus, bestimmte - wie wir heute wissen - auf nachhaltige Weise modernes Wahrnehmungs- und Raumverhalten, soziale Praktiken und Codes, die letztlich von der Großstadt aus in weitere Teile der Gesellschaft diffundierten. Als „Labor der Moderne“ war die Großstadt der vorvorigen Jahrhundertwende somit auch in technischer Hinsicht wegweisend.
Auch die Zwischenkriegszeit war geprägt von den Debatten und Konflikten, die mit der Anlage einer derart umfassenden Stadttechnik einhergingen. Machtpolitische, ökonomische, gesundheitspolizeiliche und soziale Diskurse bestimmten weiterhin die europäische Stadtentwicklung, die mit ihren technischen Ausbauprogrammen an die Vorkriegsleistungen anzuknüpfen trachtete. 8 Ein dabei wichtiges, international wahrgenommenes Zentrum stellte die deutsche Stadt Dresden dar, die - wie andere - seit Anfang des 20. Jahrhunderts von einer gewaltigen Urbanisierungswelle erfasst worden war. Wenngleich politisch konservativ orientiert, hatte man sich zu einem Ort kultureller und urbanistischer
5 Vgl. Joel Arthur Tarr, Gabriel Dupuy: Technology and the Rise of the Networked City in Europe and America. Philadelphia 1988; Dieter Schott: Die Vernetzung der Stadt. Kommunale Energiepolitik, öffentlicher Nahverkehr und die „Produktion“ der modernen Stadt. Darmstadt-Mannheim-Mainz 1880-1918. Darmstadt 1999; Dieter Schott: Infrastrukturnetze und soziale Ungleichheit: Die historische Perspektive, in: Moderne Stadtgeschichte (2017), Heft 2, S. 66-78. Zur Entwicklung in Wien vgl. jüngst Sändor Bekesi: Auf dem Weg zur Stadtmaschine? Zur infrastrukturellen Entwicklung Wiens in der frühen Gründerzeit, in: Wolfgang Kos, Ralph Gleis (Hg.): Experiment Metropole. 1873: Wien und die Weltausstellung. Ausstellungskatalog des Wien Museums. Wien 2014, S. 94-105.
6 Vgl. Friedrich Lenger: Metropolen der Moderne. Eine europäische Stadtgeschichte seit 1850. München 2013, S. 149-202.
7 Zur Metapher des Netzwerks vgl. Hartmut Böhme, Jürgen Barkhoff, Jeanne Riou (Hg.): Netzwerke. Eine Kulturtechnik der Moderne. Wien, Köln, Weimar 2004.
8 Vgl. Wiebke Porombka, Heinz Reif, Erhard Schütz (Hg.): Versorgung und Entsorgung der Moderne. Logistiken und Infrastrukturen der 1920er und 1930er Jahre. Frankfurt am Main, Berlin, Bern u. a. 2011.
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