Die Technische Stadt
bräuchen und pathologischen Neigungen, die sich in dem Bau widerspiegeln, reiht sich nahtlos ein in die herrschende NS-ldeologie. Seine antisemitische Haltung gipfelt schließlich darin, dass er in seiner ideengeschichtlichen Herleitung auf den sowjetischen Künstler El Lissitzky rekurriert mit der Beifügung „(ein Jude?)“. 56 Die Thesen vom „Verlust der Mitte“ d. h. des Menschlichen sollte Sedlmayr später in seinem gleichnamigen, überaus einflussreichen Buch zusammenfassen. 57
Was blieb: Künstlerische Visionen und pragmatische Grundsätze
Peter Birkenholz war seiner Grundidee auch in den folgenden Jahrzehnten treu geblieben. Er entwarf zahlreiche weitere Kugelprojekte (u. a. auch eine „Kugelgarage“), letztlich sollte aber der Dresdner Bau sein einziges realisiertes Kugelhaus bleiben. 58 Im Gefolge der Wirtschaftskrise wurde es sogar als Modell nachgebaut und auf die Reise durch Europa geschickt mitsamt der Spendenaufforderung: „Dieses Kugelhaus wurde von 3 Arbeitslosen Brüdern in 976 Stunden erbaut. Jetzt ist es unser Erwerb.“ 59
Das Original bestand bis zum Jahr 1938, dann ließ die nationalsozialistische Stadtverwaltung das Kugelhaus abreißen. Zu sehr widersprach der wegen seiner runden Form als „undeutsch“ geltende Bau den Stilvorstellungen der neuen Machthaber, der Architekt selbst war wegen seiner jüdischen Abstammung in Misskredit geraten. 60 Auch der nahe gelegene Ausstellungspalast wurde im Zweiten Weltkrieg völlig zerstört und in Folge nicht wieder aufgebaut. Heute befindet sich an der Stelle des damaligen Ausstellungsgeländes die „Gläserne Manufaktur“ der Volkswagen AG.
Die Idee des Kugelhauses lebte andernorts weiter. Bereits im Dezember 1928 war in Cleveland, Ohio, das „Cunningham Sanitarium“, ein kugelförmiges, fensterloses Sanatoriumsgebäude eröffnet worden. In den 1950er-Jahren entstanden auch in Deutschland neue Kugelhäuser, entworfen diesmal von Johann
56 Ebd., S. 302. Zur antisemitischen Argumentation Sedlmayrs vgl. auch Falkenhausen, siehe Anmerkung 20, S. 116-118.
57 Hans Sedlmayr: Verlust der Mitte. Die bildende Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts als Symptom und Symbol der Zeit. Salzburg 1948.
58 Vgl. dazu auch den Nachlass von Birkenholz, der sich zu einem wesentlichen Teil im Deutschen Kunstarchiv des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg befindet.
59 Transportables Kugelhaus-Modell, Reklamekarte. Sammlung Peter Payer.
60 In den Zeitungen wurde die Meldung vom Abbruch des Kugelhauses teils mit Genugtuung kommentiert. So hieß es etwa im „Salzburger Volksblatt“: „Das Kugelhaus im Herzen des Dresdner Ausstellungsgeländes wird abgetragen und verschrotet (sic!). Sein Bau kostete seinerzeit eine halbe Million Reichsmark.“ (12.2.1938, S. 7)
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