Peter Payer
modernen Welt abzielende Zivilisationskritik äußerte der eingangs erwähnte Psychiater und Schriftsteller Alfred Döblin, der die rasanten Veränderungen seiner Heimatstadt Berlin vor Augen hatte. Und auch sein weitgereister Kollege Stefan Zweig (1881-1942), ein genauer Kenner vieler Großstädte, beklagte bereits 1925 eine deutlich wahrnehmbare „Monotonisierung der Welt“: „Stärkster geistiger Eindruck von jeder Reise in den letzten Jahren, trotz aller einzelnen Beglückung: ein leises Grauen vor der Monotonisierung der Welt. Alles wird gleichförmiger in den äußeren Lebensformen, alles nivelliert sich auf ein einheitliches kulturelles Schema. [...] Immer mehr scheinen die Länder gleichsam ineinandergeschoben, die Menschen nach einem Schema tätig und lebendig, immer mehr die Städte einander äußerlich ähnlich.“ 53
Hintergrund dieser Analysen war die in Europa zunehmend heftiger geführte Amerikanisierungsdebatte. Die Angst vor dem Verlust der kulturellen Eigenständigkeit der europäischen Städte ging um, angefeuert von der „Präponderanz der Technik“ und den sich ausbreitenden „technischen Gleichförmigkeiten“. 54 Mit den sich in den 1930er-Jahren verschärfenden ideologischen Gegensätzen (und damit zusammenhängend auch jenen zwischen Stadt und Land) radikali- sierten sich schließlich die einschlägigen Zeitdiagnosen. Am Eindringlichsten formulierte dies der österreichische Kunsthistoriker Hans Sedlmayr (1896- 1984), der in seinen, erstmals 1939 publizierten Ausführungen explizit Bezug nahm auf die Dresdner Ausstellung - und hier insbesondere auf das Kugelhaus, das ja nach Beendigung der Jahresschau weiter in Verwendung geblieben war. Schon dass ein Kugelhaus überhaupt in dieser Ausstellung gezeigt wurde, war für Sedlmayr Ausdruck von übertriebener Sensationslust, von einem Hang nach allzu viel Inszenierung, Show und Reklame. Das Gebäude selbst erschien ihm „unsinnig“ und ein „schlechter Scherz“, wenngleich ein Symptom der Zeit, demonstriere es doch in seiner abstrakten Form den Verlust von Erdgebundenheit und verdeutliche so eine tiefgreifende kulturelle Krise: „Der Kugelbau enthüllt nicht nur die Lage der Baukunst, sondern er ist Signal eines noch allgemeineren Zustands der ,Bodenlosigkeit‘, der in den verschiedensten Gebieten des Lebens und des Schaffens zu beobachten ist.“ 55 Sedlmayrs Diktion von Miss-
53 Stefan Zweig: Die Monotonisierung der Welt, in: Neue Freie Presse, 31.1.1925, S. 1 -4, hier S. 1.
54 Ebd., S. 1,3. Vgl. dazu auch die Beiträge anderer Autorinnen in der „Neuen Freien Presse“ vom 1.1.1925, S. 1 -3; 24.1.1925, S. 11; 8.2.1925, S. 1 -3; 25.3.1925, S. 1 -4. Auf filmischer Ebene thematisierte später auch Charlie Chaplin in „Modern Times“ (Moderne Zeiten, 1936) die technikbedingte Normierung der Gesellschaft.
55 Hans Sedlmayr: Die Kugel als Gebäude, oder: Das Bodenlose, in: Hubert Schrade (Hg.): Das Werk des Künstlers. Kunstgeschichtliche Zweimonatschrift 1 (1939/40), S. 278-310, hier S. 310.
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