Die Technische Stadt
geworden sind, der wird durch eigenes Verhalten die Schwierigkeiten mindern, statt sie zu vermehren.“ 50
Die ungebremste Fortschrittsgläubigkeit der Moderne, vereint mit dem anhaltenden Impetus zur aufklärerischen Vermittlung von Technik, verfestigte die Überzeugung, dass mit Hilfe der Technik sämtliche Probleme der Großstadt zu bewältigen seien. Insbesondere die Elektrizität geriet, wie schon in Dresden, zum zentralen Element einer derartigen Stadtutopie, was sich dann auch in zahlreichen populären Massenmedien, von Film bis zur Literatur, niederschlug. 51 Dem entgegen standen kritische Bestandsaufnahmen zur Entwicklung von Stadt und Gesellschaft, formuliert vor allem von bürgerlich-konservativen Kreisen. So wies der deutsche Theologe und Religionsphilosoph Paul Tillich (1 886-1965), der von 1925 bis 1929 an der Technischen Hochschule in Dresden lehrte, auf die seiner Meinung nach grundlegende symbolische Bedeutung der zunehmend technisierten Stadt hin. In einem Vortrag, den er 1928 zur Eröffnung der Ausstellung hielt, attestierte er der Schau zwar eine umfassende Darstellung des Sachgehalts „technische Stadt“, was diese für die Seelenlage und das Lebensgefühl der Zeit bedeute, bleibe jedoch gänzlich ausgespart. Denn wenn es auch mit Hilfe der Technik gelungen sei, das Unheimliche, Fremde und Drohende des Daseins zu überwinden und zu beherrschen, werde doch durch die Komplexität moderner Technik selbst eine neue Unheimlichkeit hervorgerufen. Die ganze Erde entwickle sich, so Tillich, zur „technischen Stadt“, eine zunehmend erstarrte und naturfremde Welt, die kaum beherrschbar erscheine und in der sich auch die Sinnfrage neu stelle: „Der Boden, die Verbindung mit der lebendigen Erde, ist genommen. Der behauene oder künstliche Stein trennt uns von ihr. Das Eisenbetonhaus trennt uns mehr als Lehm, Holz und Backstein von den kosmischen Strömungen. Das Wasser ist in Röhren, das Feuer in Drähte gebannt. Die Tiere sind ausgeschlossen oder ihrer vitalen Kräfte beraubt. Bäume und Pflanzen sind eingeordnet in den technischen Zusammenhang, dem rationalen Zweck der .Erholung' zu dienen. Die Fremdheit bleibt trotz aller Aneignung, und sie steigert sich ins Unüberwindliche, alles Beherrschende in der Großstadt.“ 52 Eine ähnliche, auf die voranschreitende Rationalisierung und Normierung der
50 Eduard A. Pfeiffer: Technik der Stadt. Vom Schaffen der technischen Betriebe im lebendigen Kreislauf der großen Siedlungen. Stuttgart 1937, S. 1, 247.
51 Vgl. u. a. Otfrid von Hanstein: Elektropolis. Die Stadt der technischen Wunder. Stuttgart 1931; Frank Dittmann, Günther Luxbacher (Hg.): Geschichte der elektrischen Beleuchtung (= Geschichte der Elektrotechnik 26). Berlin 2017.
52 Paul Tillich: Die technische Stadt als Symbol, in: Ders.: Die religiöse Substanz der Kultur. Schriften zur Theologie der Kultur (= Gesammelte Werke Band IX.). Herausgegeben von Renate Albrecht. Stuttgart 1967, S. 307-311, hier S. 310.
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