9 Die telegrafische Vision „Je mehr die Menschen den Raum, der sie trennt und die Zeit, welche zum wechselweisen Austausche ihrer Ideen nothwendig ist, abzukürzen vermögen, desto schneller nimmt nicht nur allein die geistige Bildung der Völker, sondern auch ihr äußerer Wohlstand zu; denn es ist nicht in Abrede zu stellen, daß wir jede Vervollkommnung, jedes Weiterschreiten in Wissenschaften und Künsten, in Fabrik und Manufakturwesen, in jedem Zweige der Industrie und des Komerzes, überhaupt alle Civilisation, größtentheils den Communikationsmitteln, d. h. den Straßen, den Kanälen, der Schifffahrt, der Postanstalt, eben so gut als der Buchdruckerkunst zu verdanken haben. Die neuere Geschichte mehrerer Staaten liefert den unwiederlegbarsten Beweis, wie schnell Verbindungsmittel, indem sie alle Entfernungen abkürzen, die Völker einander näher bringen, und eine unermeßliche Zeitersparniß in allen Verhältnissen und Verbindungen gewähren – eine Nation zur Größe, Macht und Reichtum führen können. Wo diese mangeln, thaut die wohlthätige Dämmerung echter Humanität und gehaltvoller Thätigkeit schwer auf, und mehr oder minder verharren die Völker in einem Zustande theilweiser Verwilderung. Die seit einigen Decenien gemachten Erfindungen neuer beschleunigter Transportmittel für wägbare Körper und Stoffe erheischen gegenwärtig auch eine größere Schnelligkeit brieflicher Mittheilungen und des Ideenwechsels. Der Dienst der Briefpost, obgleich auf dem höchsten Grade der Vervollkomm(n)ung, steht schon bei weitem nicht mehr auf gleicher Stufe mit den Dampfmaschinen, Eilwägen, Eisenbahnen etc., und so verschieden die Ponderabilien von dem lebendigen Gedanken sind, eben so verschieden könnte auch die Geschwindigkeit beider Bewegungen durch den Raum statt haben. Der Telegraph gibt das Mittel an die Hand, diese mit so vielen scheinbaren Schwierigkeiten verbundene Aufgabe zu lösen, die Bedürfnisse nach allem Umfange des Wortes zu befriedigen, und eine allgemeinere Anwendung und Verbreitung dieses Com(m)unikationsmittels zu gestatten.“ 1 1 Der Optische Feldtelegraf von Ressel verspricht schnellste Übermittlung von Botschaften.
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Blitzschnell in die Ferne schreiben : Geschichte der Telegrafie in
Österreich / Wolfgang Pensold, Otmar Moritsch, Mirko Herzog
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