10 Soweit die Vision eines Zeitgenossen aus dem Jahr 1833 angesichts der Errichtung eines der neuartigen optischen Telegrafensysteme in Preußen. Es ist die Vision eines Verfechters der Moderne, der sich beeindruckt zeigt vom technischen Fortschritt und von der Geschwindigkeit, mit der Botschaften übermittelt werden können. Er ist aber auch Humanist, der sich vom Telegrafen neben Wohlstand soziale Befriedung und kulturelle Entwicklung erwartet. Diese Erwartungshaltung ist hierzulande nicht unumstritten. Das im biedermeierlichen Österreich amtierende Regime von Staatskanzler Klemens Wenzel Lothar von Metternich etwa erkennt in Fortschritt hauptsächlich ökonomischen Fortschritt, will das Aufkeimen allzu viel bürgerlicher Freiheit verhindern und die modernen technischen Mittel eigenen Zwecken dienstbar machen. Am 14. Dezember 1838 behandelt Metternich in einem Vortrag an den Kaiser die Nützlichkeit der Telegrafie„für Zwecke der Staatspolitik und Staatspolizei“. 2 Er gibt sich überzeugt davon, dass die Möglichkeit, Nachrichten rasch und nur Eingeweihten verständlich über große Entfernung mitteilen zu können, in Zeiten der Bedrohung existenzielle Bedeutung erhalte. Zwar rät er dem Kaiser aus Kostengründen noch von der Errichtung eines flächendeckenden Telegrafennetzwerks ab, doch plädiert er dafür, Vorbereitungen zu treffen und Personal auszubilden. Dabei denkt er nicht zuletzt an die Möglichkeit, die widerspenstigen italienischen Gebiete des Reiches militärisch abzusichern. Schließlich erlaubt der Telegraf schnellstmöglich Truppen zu mobilisieren, um Aufstände niederzuschlagen. Ein weiterer Grund ist die wachsende Bedrohung der Lagunenstadt Venedig vom Meer her durch die neuartige Dampfschifffahrt, die ungekannt schnelle feindliche Angriffe befürchten lässt und deshalb rasche Alarmierung nötig macht. Dabei gibt man optischen Systemen den Vorzug, weil elektrische, die sich andernorts gerade entwickeln, ihrer Drahtleitung wegen leicht angreifbar und im Fall von Ortswechseln recht behäbig sind. In Triest beschäftigt sich der Marineforstintendant Josef Ressel mit der Idee eines optischen Feldtelegrafen. Ressel geht davon aus, dass die Errichtung nur wenige Stunden dauern darf, das für den Bau notwendige Holz an Ort und Stelle leicht zu finden und die Zerstörung vor einem heranrückenden Feind in wenigen Minuten möglich sein muss. Der Telegraf muss von nur vier Männern getragen, unter Aufsicht von Unteroffizieren aufgebaut und von einfachen Soldaten bedient werden können. Ressel sieht einen hölzernen Mast vor, auf dem ein Querbalken ruht, der an seinen Enden je einen beweglichen Balken aufweist. Diese Balken lassen sich in unterschiedliche Stellungen drehen, die bestimmten Zeichen ent-
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Blitzschnell in die Ferne schreiben : Geschichte der Telegrafie in
Österreich / Wolfgang Pensold, Otmar Moritsch, Mirko Herzog
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