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Blitzschnell in die Ferne schreiben : Geschichte der Telegrafie in Österreich / Wolfgang Pensold, Otmar Moritsch, Mirko Herzog
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22 des Erdbodens zu verdanken, die das Verlegen von Drahtschleifen obso­let macht; es reicht ein einzelner Draht. Diese Erkenntnis ist deshalb so bedeutsam, weil sie das halbe Drahtmaterial spart. Darüber hinaus kennt Steinheil die unterschiedlichen Telegrafensysteme, die in deutschen Staaten verwendet werden, gut. Er hat sie im Auftrag der bayerischen Regierung im Zuge einer Inspektionsreise untersucht, um ein Gutach­ten darüber zu verfassen, welches System für Bayern am vorteilhaftes­ten wäre ein optisches, ein elektrisches oder ein gemischtes. Dieses umfassende Wissen dürfte eine wichtige Voraussetzung für den Ruf nach Wien gebildet haben, strebt der hiesige Handelsminister Bruck doch nach einem Zusammenschluss des österreichischen Staatstelegra­fen mit jenen diverser deutscher Staaten zur Förderung des Handels. Anfang 1850 nimmt Steinheil in Wien seine Arbeit auf. Er holt Ingenieu­re aus seiner bayerischen Heimat und richtet im Gebäude des Handels­ministeriums eine Telegrafenwerkstätte ein. 17 Deren Ausstattung bringt er aus seinem Münchner Institut mit. Die Aufgabe der Werkstätte ist es, Apparate zu warten, aber auch, Musterapparate, Batterien und Isola­toren herzustellen und zu erproben, damit sie danach von heimischen Herstellern in einheitlicher Form und entsprechender Zahl erzeugt werden können. Außerdem sind so manche Rätsel der Elektrotechnik erst noch zu lösen. Die Telegrafie ist dem Pionierstadium längst nicht entwachsen. Im Hinblick auf die Öffnung des Staatstelegrafen für die Bevölkerung und die damit zu erwartende Erhöhung des Korrespondenzaufkom­mens wird der vermeintlich schnellere Morsetelegraf erprobt. Es heißt, ein geübter Telegrafist könne damit pro Stunde 25 bis 30 Depeschen zu je 30 Worten absetzen. Man steht mit dem in Hamburg tätigen Ameri­kaner William Robinson in Kontakt, der seit geraumer Zeit auf eigene Faust und zum Ärger von Morse das Morsesystem in Europa vertreibt, wo es keinen Patentschutz genießt. Gemeinsam mit dem örtlichen Telegrafendirektor Clemens Gerke richtet er die Linie Hamburg–Cuxha­ven ein. Die dazu nötigen Apparate werden bei Mechanikern vor Ort gefertigt. 18 Robinson findet auch in Preußen Gehör. Dort steht einer der ver­gleichsweise langsamen Zeigertelegrafen in Verwendung, konstruiert von Siemens und gebaut vom Mechaniker Halske. Robinson wird mit der Ausbildung einiger Telegrafisten am Morsesystem beauftragt. Die Apparate liefert Halske. 19 Ähnliches plant die österreichische Staatsverwaltung. Für 5.000 Gulden ordert sie von Robinson zwei Apparate zum Testen inklusive Einschu-