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Blitzschnell in die Ferne schreiben : Geschichte der Telegrafie in Österreich / Wolfgang Pensold, Otmar Moritsch, Mirko Herzog
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42 Handelssaal zusammen, in dem sie unmittelbar aufeinander reagieren. Laut dem Freiburger Kameralistikprofessor Karl Knies sind sie faktisch nur noch Zimmer eines einzigen Hauses. Man könne überall gleichzeitig die Rufe der Käufer und Verkäufer vernehmen und das Verhältnis des gesam­ten Angebotes und der gesamten Nachfrage sei für alle Plätze die Grund­bedingung der Preisbildung. 7 Die Telegrafie schafft das Fundament des modernen Weltmarkts. Telegrafisch übermittelte Börsenkurse gehen indes nicht mehr nur an Börsen und Bankhäuser, sondern zunehmend auch an das spekulieren­de Bürgertum. Die bedeutenden Wiener Tageszeitungen liefern ihren Leserinnen und Lesern zunächst die Kurse der Wiener Börse und nach und nach auch die Notierungen auswärtiger Börsen frei Haus. Darüber hinaus bieten sie flankierend aktuelle Nachrichten aus Politik und Wirtschaft der betreffenden Länder. Sie weisen dabei telegrafische Korrespondenzen in ihren Spalten als solche aus, um deren Aktualität zu unterstreichen. Geliefert werden diese Nachrichten von international tätigen Agenturen wie der in Berlin ansässigen Agentur Wolffs Telegraphisches Bureau , der Agentur Mr. Reuter´s Cabled Messages mit Sitz in London oder der Pariser Agence Havas . 8 Sie geben den Zeitungen ständigen Anschluss an die Welt erschaffen die Weltpresse. In Wien ist der globale Nachrichtentransfer jedoch noch strenger politi­scher Kontrolle unterworfen. Mit dem k.k. Telegraphen-Korrespondenz­Bureau wirkt in den Räumlichkeiten des Staatstelegrafen ab 1. Jänner 1860 eine amtliche Stelle, deren Aufgabe es ist, die einlangenden telegrafi­schen Nachrichten zu sichten, zu beurteilen und notfalls vom Außen- oder dem Polizeiministerium zensurieren zu lassen. Danach erst werden die Nachrichten an diverse Minister, den staatlichen Börsenkommissär sowie die heimischen Zeitungsredaktionen und Abonnenten, die über eine mi­nisterielle Bezugserlaubnis verfügen, ausgegeben. Offizielle Stellen erhal­ten die Nachrichten unentgeltlich, Abonnenten gegen eine Jahresgebühr. 9 Auf Grundlage der Vernetzung der Welt entsteht ein weiterer terrestrischer Dienst, der auf aktueller telegrafischer Information basiert: die Wetter­vorhersage. Deren Anfänge liegen in einem verheerenden Ereignis: Im November 1854 wird die im Krimkrieg engagierte französische Kriegsflotte innerhalb kurzer Zeit durch einen Sturm im Schwarzen Meer zerstört. Der Leiter der Pariser Sternwarte Urbain-Jean-Joseph Le Verrier wertet dar­aufhin die Angaben von 250 Wetterstationen aus und kann dadurch den Weg, den der Sturm genommen hat, rekonstruieren. Er kommt zu dem Schluss, dass die Flotte gerettet hätte werden können, hätte man vorher telegrafische Wetterdaten analysiert.