46 flissenheit nachgesagt, wie auch ein Hang zur Korruption, da sie von ihren Dienstherren oft schlecht bezahlt würden. Eine neue schnelle Kabelverbindung scheint lohnend, zumal große Nachfrage besteht. Schon jetzt gehen rund 200 Depeschen täglich über die Drähte zwischen Europa und Indien, Tendenz steigend. 16 Dafür, eine Landlinie zu errichten, spricht, dass diese deutlich billiger kommt als ein Seekabel und dass sie im Schadensfall repariert werden kann, was bei Kabeln am Meeresboden meist unmöglich ist. Ein Nachteil besteht allerdings darin, dass sie viele Länder durchquert und ihr Betrieb deshalb von den regionalen politischen Entwicklungen abhängig ist. Die Berliner Telegraphenbauanstalt Siemens& Halske , die mittlerweile über Niederlassungen in London und St. Petersburg verfügt, verfolgt den Plan, eine Telegrafenlinie von London über Preußen, Russland und Persien nach Indien zu führen. Auf Initiative von Siemens tritt The Indo-European Telegraph Company ins Leben, eine englisch-deutsche Gesellschaft mit Sitz in London, die das Projekt in Angriff nimmt. Von England nach Deutschland wird eine bestehende Leitung gemietet, von Emden bis Thorn an der russischen Grenze soll die preußische Telegrafenverwaltung eine Linie herstellen. Für die Errichtung neuer Linien durch russisches und persisches Gebiet wird um Konzessionen der betreffenden Regierungen angesucht. Am restlichen Weg durch Indien übernimmt es die britische Regierung, bestehende Leitungen herzurichten und fehlende zu bauen. 17 Die Bauarbeiten beginnen. Für die zehntausenden Masten, die dafür nötig sind, greift man in den Gegenden, wo Holz verfügbar ist, auf Fichten- oder Eichenstämme zurück. Dort, wo es kein Holz gibt, kommen haltbarere Eisenmasten zur Anwendung. Im Hinblick darauf, dass keine der gängigen Telegrafentypen in der Lage ist, Entfernungen von tausenden Kilometern direkt zu überbrücken und weil es das langsame und fehleranfällige Verfahren des händischen Aufnehmens und Absetzens jeder einzelnen Depesche an allen Stationen zu vermeiden gilt, entwickelt Werner Siemens ein besonderes System. Er benutzt als einer der Ersten Wechselstrom, der Signale ungestört über große Strecken transportieren kann und konstruiert eine Mechanik, die telegrafische Nachrichten in den Zwischenstationen in Lochstreifen stanzt und automatisch weiterleitet. Dazu läuft der Lochstreifen über einen Fühler, welcher bei jedem Loch den metallischen Untergrund berührt, einen Kontakt schließt und dadurch einen Stromimpuls erzeugt. Die so gelesenen Zeichen gehen mit einer Geschwindigkeit von 2.0000 Worten pro Stunde über den Draht. Ende 1869 ist der Bau beendet. Die Indo-Europäische Telegrafenlinie führt von London bis Lowestoft an der englischen Küste, über ein Seekabel durch die Nordsee nach Norderney und von dort nach Emden, weiter über
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Blitzschnell in die Ferne schreiben : Geschichte der Telegrafie in
Österreich / Wolfgang Pensold, Otmar Moritsch, Mirko Herzog
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