49 Rationalisierung im Telegrafendienst In der Metropole Wien werden die immer zahlreicheren Telegrafendrähte zumeist auf eisernen Masten durch die Straßen oder auf Traggestellen über die Hausdächer geführt, was einen Wald aus Kabelbäumen entstehen lässt. Ganz zu schweigen davon, dass die stark wachsende Stadt die Telegrafenbauingenieure vor immer neue Herausforderungen stellt. Gleichzeitig bietet das Telegrafenzentralamt im Gebäude des Handelsministeriums nicht mehr ausreichend Platz, weshalb der Staatstelegraf 1860 in ein eigenes Gebäude übersiedelt – in das alte kaiserliche Zeughaus in der Renngasse, wo zuvor die Börse untergebracht war. Das Parterre beherbergt Werkstätten, Materialverwaltung samt Depots, die Registratur, die Druckerei samt Lithografie und Buchbinderei, das Depot des Feldtelegrafen für das Militär sowie die Batteriekammer, die die ganze Anlage speist. 1 Im ersten Stock befinden sich die Direktion, das Telegrafeninspektorat für Niederösterreich und die Steiermark, das k.k. Telegraphen-Korrespondenz-Bureau , die Telegrafenschule sowie ein über die Hauptstiege erreichbarer Raum für den Parteienverkehr. Hier stehen Stehpulte und Schreibtische für Kundschaft bereit, wo sie die abzusendenden Nachrichten niederschreiben und an zwei Schaltern des Kassenraums aufgeben kann. Das Herz bildet der einstige Börsensaal, der nun als Apparatesaal dient. Hier münden Dutzende Leitungen ein. An den beiden Fensterreihen stehen gusseiserne Tische für 82 Morseapparate, an denen die ein- und ausgehenden Depeschen abgearbeitet werden. Ein normaler Apparat besteht aus einem Stromanzeigegerät, genannt Bussole, einem Relais, einem Schreiber und einem einfachen Taster. Der in Verwendung stehende Telegrafenapparat ist nach wie vor ein Reliefschreiber überkommenen Typs und bleibt es noch Jahre lang. Ein im Januar 1863 in Wien präsentierter Farbschreiber der deutschen Firma Siemens& Halske , der ohne Relais 18 Über den Dächern der Stadt wächst ein Wald aus Kabelbäumen.
Dokument
Blitzschnell in die Ferne schreiben : Geschichte der Telegrafie in
Österreich / Wolfgang Pensold, Otmar Moritsch, Mirko Herzog
Seite
50
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten