50 und Lokalbatterie arbeitet und einfacher in der Konstruktion wie auch in der Handhabung sein soll, wird von österreichischen Telegrafeningenieuren abgelehnt. Man argumentiert, er würde undeutliche Zeichen erzeugen, komplizierter gebaut und schwieriger zu bedienen sein. 2 Während der Siemensapparat in manchen deutschen Staaten als„Normaltype“ zum Einsatz kommt, hält man beim österreichischen Staatstelegrafen am alten Reliefschreiber fest. Im Telegrafenzentralamt sind auch zwei Translatoren vorhanden, die jedoch meist nur versuchsweise benutzt werden. In der Regel werden alle über Wien laufenden Depeschen aufgenommen und an den entsprechenden Linien händisch weitertelegrafiert. Dies erklärt den recht hohen Personalstand von 160 Beamten, die in mehreren Partien Tag und Nacht Dienst tun. Für die Beamten steht ein Garderobenraum zur Verfügung mit Kästen und Schubladen zur Aufbewahrung von Kleidung und Bettwäsche. Es gibt Stellagen für die Hüte, einen großen Waschtisch und einen Speisetisch. Für den Nachtdienst werden abends in der Mitte des Saales Betten aufgestellt. Im Amtsbotenzimmer übernachten Boten des Bereitschaftsdienstes. 3 Das Telegrammaufkommen wächst, auch, weil es im Deutsch-Österreichischen Telegraphenverein immer wieder zu Tarifsenkungen kommt. Die Gebühr für eine einfache Depesche, die bislang pro Zone 60 Kreuzer (neuer Währung) gekostet hat, wird auf 40 Kreuzer reduziert. Desweiteren werden die Radien der Zonen vergrößert, ausgenommen die erste, die bei 10 Meilen(rund 75 Kilometer) bleibt. Die zweite Zone reicht künftig bis 45 Meilen und die dritte bis 100; die vierte schließlich umfasst alles darüber. Nach diesem Schema kostet eine einfache Depesche nach Triest nur noch 1 Gulden 20 Kreuzer. 4 Dank der Tarifsenkungen dehnt sich der Nutzerkreis aus. Bei den fast 1,6 Millionen Depeschen, die im Jahr 1865 vom Staatstelegrafen abgewickelt werden, tritt der Anteil der staatlichen mit 183.000 weit hinter den der privaten mit knapp 1,4 Millionen zurück. Zu den privaten zählen neben Börsen-, Geschäfts- und Zeitungsdepeschen zunehmend auch Nachrichten in Familienangelegenheiten. Angelegenheiten gutsituierter Familien, bleibt einzuschränken, denn für den Großteil der Bevölkerung sind telegrafische Depeschen nach wie vor kaum erschwinglich. Selbst für die jetzt deutlich billigere Depesche nach Triest müsste ein Telegrafist zweiter Klasse fast einen ganzen Tag lang arbeiten. Das Aufkommen verteilt sich zudem nicht gleichmäßig über die Monarchie, sondern ist im Raum Wien mit Abstand am größten. So werden in Niederösterreich(samt Wien) je Einwohner rund zehnmal so viele Privatdepeschen befördert wie etwa in Krain, was zweifellos weniger mit der Häufigkeit von Familienangelegenheiten zu tun hat als mit der Dichte von Wirtschaftsaktivitäten.
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Blitzschnell in die Ferne schreiben : Geschichte der Telegrafie in
Österreich / Wolfgang Pensold, Otmar Moritsch, Mirko Herzog
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