51 Der Beschluss der Vereinsstaaten, 1865 eine weitere Tarifsenkung durch ersatzlose Streichung der vierten Entfernungszone durchzuführen, erfolgt gegen den Willen der Vertreter des österreichischen Staatstelegrafen, 5 der sich trotz steigenden Aufkommens mit sinkenden Erträgen konfrontiert und zu Sparmaßnahmen gezwungen sieht. Viele der kleineren Telegrafenämter am Land bieten nur noch einen eingeschränkten Dienst an, mancherorts wird überhaupt nur eine„Telegraphen-Nebenstation“ eingerichtet. Anstatt eines Beamten ist diese lediglich mit einem„intelligenten Diener“ besetzt, der imstande sein muss, einzelne Depeschen abzuwickeln und ansonsten die Streckenaufsicht besorgt. Doch der Einmannbetrieb hat Nachteile. So muss der Bedienstete etwa zur Behebung einer Leitungsstörung die Station schließen, um draußen an der Strecke arbeiten zu können. Dasselbe gilt für den Fall, wenn er eine Depesche zuzustellen hat. Auch in dieser Zeit ruht die Station. Eine andere Variante der Einsparung bildet die Zusammenlegung kleinerer Telegrafenämter mit örtlichen Postämtern und der Übertragung des Telegrafendienstes an nur oberflächlich ausgebildete Postbedienstete. Nicht zu Unrecht erblicken die beamteten Telegrafisten in solchen Varianten eine Unterwanderung ihres Berufsstands. Andererseits ist dem Staatstelegrafen zugutezuhalten, dass er mit solchen Maßnahmen unrentable Ämter offenhält. Er belässt auch abgelegenen Gebieten einen Anschluss an die Welt, damit sie davon profitieren, auch wenn er selbst dabei verliert. Darin zeichnet sich eine am Gemeinwohl orientierte öffentliche Funktion ab, die von privaten, profitorientierten Gesellschaften naturgemäß nicht erfüllt wird. 6 Indessen verspricht ein neuer Telegrafenapparat eines amerikanischen Professors namens David Edward Hughes die Lösung der Kapazitätsprobleme auf den Hauptstrecken. In Frankreich, Italien, England, Russland und Preußen schon in Verwendung, wird dieser Apparat nach Zahlung von 40.000 Gulden für die Patentrechte auch hierzulande eingeführt. 7 Für das Telegrafenzentralamt werden um je 600 Gulden zwei dieser Apparatesysteme angeschafft. Eines geht auf einer Linie zwischen Wien und Berlin in Probebetrieb und das andere dient zur Einschulung von Beamten, wofür der Konstrukteur Hughes persönlich anreist. 8 Beim Hughestelegrafen müssen Nachrichten nicht mehr umständlich nach dem Morsealphabet gegeben werden. Um einen Buchstaben, eine Ziffer oder ein Satzzeichen zu übermitteln, bedarf es lediglich des Niederdrückens der entsprechenden Taste einer Klaviatur, die aus 28 weißen und schwarzen Tasten besteht. Da weniger Tasten als Zeichen existieren, sind sie doppelt belegt. Die erhöht liegenden schwarzen Tasten tragen die Buchstaben von A bis N, alle Ziffern und vier Satzzeichen. Die weißen
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Blitzschnell in die Ferne schreiben : Geschichte der Telegrafie in
Österreich / Wolfgang Pensold, Otmar Moritsch, Mirko Herzog
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