60 In einer selbstkritischen Rückschau heißt es, die Niederlage gehe auch auf telegrafische Versäumnisse zurück. Es habe zu wenige Feldtelegrafenleitungen gegeben, weshalb Nachrichten eines preußischen Angriffs nicht schnell genug ans Kommando gelangt seien, um wirkungsvolle Gegenmaßnahmen treffen zu können. Man habe dadurch eine möglicherweise entscheidende Schlacht verloren. 30 Im Gegensatz dazu scheint die preußische Armee den Telegrafen effizienter genutzt zu haben. Im Zuge ihres Vormarschs hat sie Leitungen in einem Ausmaß von einigen tausend Kilometern neu errichtet oder repariert und umgehend an das preußische Staatstelegrafennetz angeschlossen. Über den Oberkommandierenden Helmuth von Moltke erzählt die Legende, er habe den Feldzug größtenteils von seinem Schreibtisch im Hauptquartier in Berlin aus mit einer Karte, einem Zirkel und dem Telegrafen geführt. 31 Im Rückblick auf diese misslichen Erfahrungen werden auf österreichischer Seite konkrete Bestimmungen für die Organisation des Feldtelegrafen erlassen. Im Mobilisierungsfall ist demnach für jede Armee eine Feld-Telegrafen-Abtheilung einzurichten, die Drahtleitungen und Stationen herzustellen und den Apparatedienst zu erledigen hat. Bei jedem höheren Kommando ist eine Feld-Telegrafen-Expositur zu bilden. An der Spitze des Feldtelegrafendienstes jeder Armee steht ein Feld-Telegrafen-Director . Dabei handelt es sich um einen von der zivilen Telegrafenanstalt in Wien oder der in Budapest vorgeschlagenen Oberbeamten, der seine Weisungen durch den Generalstabschef der betreffenden Armee erhält. Er veranlasst den Bau sämtlicher Linien und organisiert den Betrieb. Seine Kompetenzen entsprechen formal denen eines zivilen Telegrafeninspektors. Der Transport von Material und Personal soll durch Fuhrwerke aus militärischen Beständen erfolgen, für den Leitungsbau sowie für Amtsdienertätigkeit in den Exposituren sollen einfache Soldaten herangezogen werden. Zur Errichtung von Leitungen wird festgelegt, dass in einem durchschnittlichen Abstand von rund 20 Metern zunächst die Löcher für die Stangen gegraben und die vorbereiteten Stangen unmittelbar vor die Löcher auf den Boden gelegt werden sollen, um den von einer Rolle abgewickelten Draht an den Isolatoren an den Stangen zu befestigen. Danach soll die Leitung Stange für Stange aufgerichtet und im Boden verankert werden. Im Falle von unüberbrückbaren Flüssen ist die Verlegung von Guttaperchakabeln durch das Wasser vorgesehen. Die Beistellung der Ausrüstung für die Feldtelegrafenstationen – jeder von ihnen ist in der Regel ein Morseschreiber, ein Taster, ein Relais, eine Bussole sowie ein Linien- und ein Batteriewechsel zugewiesen – erwartet man sich vom Staatstelegrafen. 32 Einige Jahre später wird ein speziell konzipierter Feldtelegrafenapparat gebaut, eine kompakte Morsestation, die in einer Holzkiste leicht transportiert werden kann. 33
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Blitzschnell in die Ferne schreiben : Geschichte der Telegrafie in
Österreich / Wolfgang Pensold, Otmar Moritsch, Mirko Herzog
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