63 Telegrammstau in der Metropole Im Jahr 1872 erfolgt eine Reform des Staatstelegrafen in der österreichischen Reichshälfte, nachdem Ungarn mit dem„Ausgleich“ seine Telegrafenorganisation in eigene Verantwortung übernommen hat. An die Stelle der zentralen Direktion treten regionale Direktionen in Brünn, Czernowitz, Graz, Innsbruck, Lemberg, Linz, Prag, Triest, Wien und Zara, 1 denen insgesamt 750 Telegrafenstationen unterstehen. 2 Die Direktionen leiten den Dienst in ihren Ländern, sorgen für Reparatur und Errichtung von Leitungen, für die Einrichtung neuer Stationen, aber auch für die Wartung der Apparate und die Verwaltung des notwendigen Materials und Werkzeugs. Sie sind zuständig für den Betriebsdienst und die Vorschriften, regeln den Einsatz des Personals samt Nachwuchspflege, überwachen die Gerätschaft, den Verbrauch an Betriebsmaterial und die Aufbewahrung der Telegrammstreifen sowie der nötigen Nachweise und erledigen Kundenreklamationen. Je nach dem regionalen Aufkommen sind die Telegrafenstationen in solche mit durchgehendem Tag- und Nachtdienst, solche mit vollem Tagund halbem Nachtdienst, solche nur mit vollem Tagdienst und schließlich solche mit beschränktem Tagdienst unterteilt. Stationen der ersten drei Kategorien liegen in der Regel in größeren Ortschaften oder Städten und sind zumeist mit Staatstelegrafenbeamten besetzt, die Mindestleistungen zu erbringen haben: am Morsetelegrafen sind monatlich 1.000 Telegramme abzuwickeln, an einem Hughestelegrafen 2.000. 3 Zum persönlichen Ansporn werden für Mehrleistung Prämien ausgeschüttet. Nichtsdestotrotz kommt es in den Städten zunehmend zu Verzögerungen, die bei der Kundschaft Unmut erzeugen. In der Grazer Tagespost wird der Vorwurf erhoben, Telegramme kämen beim Adressaten mitunter später an als Begleitbriefe mit der Post! Es brauche mehr Telegrafenleitungen, mehr Telegrafisten, aber auch mehr Austräger. 4 Vor allem die Zustellung durch besoldete Amtsboten oder Taglöhner zeigt das Dilemma: Auf die 23 Das Zentrum des österreichischen Staatstelegrafen: die k.k. Telegrafenzentrale in Wien.
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Blitzschnell in die Ferne schreiben : Geschichte der Telegrafie in
Österreich / Wolfgang Pensold, Otmar Moritsch, Mirko Herzog
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