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Blitzschnell in die Ferne schreiben : Geschichte der Telegrafie in Österreich / Wolfgang Pensold, Otmar Moritsch, Mirko Herzog
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92 fürchten. Die Anglo-American Telegraph Company droht, ihn wegen Verletzung des Telegrafenmonopols, das sie zwischen Großbritannien und Neufundland hält, zu verklagen, um eine Einstellung seiner Versuche zu erwirken. Doch Marconi hält an seinen Plänen fest. Er verstärkt seine Versuchsstation, die er in Poldhu im englischen Cornwall eingerichtet hat, verlegt die Gegenstation jedoch von Neufundland nach Kanada, um das Monopol der Kabelgesellschaft zu umgehen. Er sieht sich in der Lage, Funktelegramme über den Atlantik zu schicken und verspricht gegenüber der Londoner Times , täglich aktuelle Nachrichten aus den Vereinigten Staaten zu liefern. Atmosphärische Störungen verhindern jedoch einen regulären Dienst. Marconi avisiert daraufhin einen transatlantischen Funk­dienst für Ende 1904. Doch auch diesen Termin kann er nicht halten. 7 Die junge Funktelegrafie ist in Vielem noch unerforscht,noch recht sehr Astrologie und ganz und gar nicht Astronomie, wie ein Zeitzeuge es ausdrückt. 8 In der Fachwelt wird sie auch in ökonomischer Hinsicht mit Skepsis betrachtet. Da sind zunächst die enormen Kosten der groß di­mensionierten Funkstationen: Während auf Kabelverbindungen Dynamos mit kaum mehr als 500 Volt zur Anwendung kommen, bedarf der Funk­verkehr über den Atlantik einer Spannung von bis zu 60.000 Volt. Darüber hinaus ermangelt es der Funktelegrafie noch an der Verlässlichkeit und der Schnelligkeit der Kabeltelegrafie. Sie muss erst beweisen, dass sie mit entlegensten Stationen ungestört Verbindung halten, Anforderungen in puncto Pünktlichkeit erfüllen, dabei unverstümmelte Telegramme liefern und das Telegrammgeheimnis wahren kann, das stets durch ungebetene Mitlauscher bedroht ist. Mittlerweile setzen auch in Deutschland umfangreiche Bemühungen um die Funktechnik ein. Adolf Slaby, der vor Jahren einen von Marconis Ver­suchen miterlebt hat, arbeitet für die Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft System Slaby-Arco(AEG) , und Ferdinand Braun forscht für die Gesell­schaft für drahtlose Telegraphie System Prof. Braun und Siemens& Halske mbH. Ursprünglich erbitterte Konkurrenten, werden die beiden Firmen vom deutschen Kaiser Wilhelm dazu angehalten, aufs Engste zusammen­zuarbeiten, um gestärkt auftreten zu können. Der ehrgeizige Kaiser will Deutschland nach dem Vorbild Großbritanniens zu einem Kolonial­imperium machen. Ein globales deutsches Funknetzwerk soll ihm dabei helfen, die Dominanz des britischen Weltkabelnetzes zu brechen. Im Mai 1903 wird als gemeinsame Tochter der vormaligen Konkurrenten Siemens und AEG die Gesellschaft für drahtlose Telegraphie m. b. H.(Telefunken) gegründet, die das deutsche Funknetz errichten und damit gleich auch ein britisches Funkmonopol verhindern soll. Telefunken kann auf Dutzende