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Blitzschnell in die Ferne schreiben : Geschichte der Telegrafie in Österreich / Wolfgang Pensold, Otmar Moritsch, Mirko Herzog
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106 ordnung vorgesetzter Dienststellen die Apparaturen abzubauen und den Betrieb einzustellen. Und sie haben aus eigener Initiative die Linien wieder in Betrieb zu nehmen, sobald das Gebiet wieder feindfrei ist. 14 Es herrscht eine diffuse Spionageangst, die sich mit den schweren Nieder­lagen der österreichisch-ungarischen Armee zur Hysterie steigert. Gegen vermeintliche Staatsfeinde unter den Untertanen wird mit aller Härte vor­gegangen. Galizischen Brieftaubenzüchtern etwa droht die standrechtliche Aburteilung und Hinrichtung, wenn sie nur ihre Vögel fliegen lassen, weil man sie grundsätzlich verdächtigt, mit Russland zu kollaborieren. 15 Der Staatstelegraf wird samt angestammtem Personal und Leitungsnetz in die Kriegsführung eingebunden. Seit Anfang 1914 ist auf der Strecke Wien–Berlin der neue Schnelltelegraf von Siemens& Halske in Betrieb, um die wichtige Verbindung zum deutschen Verbündeten zu bedienen. Dieser von einem Elektromotor angetriebene Schnelltelegraf verschickt Telegramme per Lochstreifen. Auf der Empfängerseite werden sie in lesbaren Typen ausgedruckt, aber auch auf Lochstreifen zum maschinel­len Weitersenden. Je nach Verkehr und Zustand der Leitung kann die Übertragungsgeschwindigkeit variiert werden. Auf langen und schlechten Leitungen wird sie reduziert, um Textverstümmelungen vorzubeugen. Der Schnelltelegraf hat jedoch Schwächen. Die Übermittlung kann nicht unter­brochen werden, was im Falle auftretender Fehler oder bei Rückfragen oft notwendig wäre. 16 Eine im Kriegsministerium eingerichtete Kriegstelegraphen-Zentralleitung organisiert den telegrafischen Verkehr von und zu den Kriegsschauplätzen samt Bereitstellung von Personal und Material. Sie stützt sich dazu auf den Feldtelegraphen , der bei den kämpfenden Truppen verortet ist, sowie auf den Reservetelegraphen , der als mobile Einheit des Staatstelegrafen im Kriegsfall Verbindung zwischen dem Armeeoberkommando und den Armeekommanden und über den Staatstelegrafen selbst auch zu den Zentralstellen im Hinterland herstellt. 17 Das Armeeoberkommando bezieht mit Kriegsausbruch in Neusandec und danach in Teschen, südöstlich bzw. südwestlich von Krakau, Quartier, um der Ostfront näher zu sein. Man hält Verbindung zu den Frontgebieten durch Reserve-Telegraphen-Betriebs-Abteilungen , die mit eingezoge­nen Beamten der Wiener Telegrafenzentrale besetzt sind und dafür sorgen, dass Operationsbefehle an die Frontverbände gelangen und in umgekehrter Richtung Lagemeldungen eingehen. 18 In weiterer Folge erhält der Generalstabschef Franz Conrad von Hötzendorf einen Son­derzug samt Telegrafenwaggon, um alle Frontabschnitte bereisen und dabei immer in Verbindung mit dem Kaiser in Wien, dem Verbündeten