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Blitzschnell in die Ferne schreiben : Geschichte der Telegrafie in Österreich / Wolfgang Pensold, Otmar Moritsch, Mirko Herzog
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112 Kommanden in Erfahrung bringen. 31 Alle sechs Wochen erfolgt zwar routinemäßig ein Schlüsselwechsel, was jeweils eine neuerliche Re­konstruktion nötig macht. Doch kommt Figl dahingehend ein täglich gefunkter Sanitätsrapport aus Brescia zugute, der immerzu folgenden Wortlaut hat:An die Sanitätsdirektion des III. Armeekorps Brescia. Marodenhaus Vesio hat heute 28 Marode, von denen leicht 13, trans­portabel 9, bettlägerig 6. Leutnantarzt Rossi. 32 Der Spruch ergeht jedes Mal fast in identischer Form, einzig die Zahlenangaben ändern sich. Dies erlaubt Figl, nach jedem vollzogenen Wechsel den neuen Schlüssel herzuleiten. Auch der Cifrario tascabile , der Anfang Oktober 1915 an den vorders­ten Linien in Gebrauch kommt, bereitet Figl kaum Probleme. Abge­sehen davon, dass es sich um ein relativ einfaches System handelt, gehört es ebenfalls zu denen, die Ronge bereits vor dem Krieg ausspio­niert hat. Dadurch können Tag für Tag Dutzende Sprüche entziffert werden. 33 Sobald ein Schlüssel gebrochen ist, wird dieser per Boten auch an die Dechiffrierstellen in Adelsberg, Villach und Bozen übermit­telt, um auch ihnen das Mitlesen der gegnerischen Befehle zu ermög­lichen. In den Küstenfunkstationen in den Adriahäfen wird ebenfalls italienischer Funkverkehr belauscht, um Einblick in anstehende Operationen zu ge­winnen. Außerdem wird von dort aus in chiffrierter Form mit österrei­chischen Handels- und Kriegsschiffen kommuniziert. Allerdings können nicht alle Schiffe von den Küstenfunkstellen auch erreicht werden, da viele veraltete Stationen an Bord haben, U-Boote und Torpedoboote älteren Typs noch gar keine. Ihre Nachrüstung geht aufgrund budge­tärer Engpässe nur schleppend vor sich, weshalb sie in großer Zahl feindlichen Angriffen zum Opfer fallen. 34 Wird ein Schiff irgendwo auf hoher See versenkt oder aufgebracht, erwächst überdies die Gefahr, dass der Gegner die Schlüsselunterlagen an Bord erbeuten könnte und in die Lage käme, den geheimen Funkverkehr auch der anderen Schiffe mitzulesen. Deshalb müssen in einem solchen Fall schnellst­möglich neue Unterlagen in Kraft gesetzt und verteilt werden. Im Äther tobt ein erbitterter Funkkrieg. Als erster industriell geführter Krieg, der die gesamte Gesellschaft in Beschlag nimmt und zudem nicht, wie ursprünglich erwartet, nach kurzer Zeit siegreich zu Ende geht, beeinträchtigt der Weltkrieg den Telegrafenverkehr der gesamten Habsburgermonarchie nachhaltig. Das Kronland Galizien, das schon in den ersten Kriegswochen von rus­sischen Truppen besetzt und vom Staatstelegrafennetz abgeschnitten