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Blitzschnell in die Ferne schreiben : Geschichte der Telegrafie in Österreich / Wolfgang Pensold, Otmar Moritsch, Mirko Herzog
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117 Im Dienste der Völkerverständigung Mit Kriegsende bricht die österreichisch-ungarische Monarchie zusammen. Sie hinterlässt eine Reihe von Nachfolgestaaten, darunterDeutschöster­reich, wie der junge Staat, dessen Grenzverlauf noch nicht feststeht, genannt wird. Durch die neuen Staatsgrenzen sind die telegrafischen Verbindungen in alle Richtungen gekappt. Stationen in den Ländern der vormaligen Monarchie liegen jetzt im Ausland und das Verhältnis zu manchen dieser neuen Nachbarn ist kaum weniger angespannt als das zu ehemaligen Kriegsgegnern. Sie sehen sich endlich aus dem altösterrei­chischenVölkerkerker befreit und sind bemüht, jegliche Abhängigkeit von Wien abzustreifen. Vor diesem Hintergrund beginnt nur zögerlich ein provisorischer Telegrafenbetrieb über die Grenzen hinweg. 1 Erst ab Oktober 1919 sind Privattelegramme nach Westeuropa und darüber hinaus möglich. In manchen Ländern sind aber nur bestimmte Sprachen zugelassen und Geheimalphabete sowie Chiffrierung verboten. Personen, die Privattelegramme aufgeben, müssen auf dem Formular weiterhin ihre Identität anführen und durch Zeugen oder Unterschrift nachweisen. Für Telegramme ins Ausland bleibt eine formelle Zensur aufrecht, ausgeübt durch Kommissionen in den Landeshauptstädten. Doch nehmen dieserart Restriktionen bald ein Ende. 2 Ein großes Problem stellt der schlechte Zustand des Telegrafennetzwerks dar. Nach dem langen Krieg sind zahlreiche Strecken unbenutzbar, weil über Jahre hindurch Wartungsarbeiten unterblieben sind. Auch die ungeklärten Grenzverläufe bereiten Probleme. Dies betrifft etwa das vom neuen jugoslawischen Staat beanspruchte Südkärntner Gebiet um Klagenfurt, das erst nach einer Volksabstimmung Ende 1920 endgültig an Österreich geht. Ähnlich ist die Situation im Burgenland, dem bisherigen Deutschwestungarn, wo Ungewissheit herrscht, ob das Land bei Ungarn bleibt oder zu Österreich kommt. Bei gewaltsamen Scharmützeln mit ungarischen Freischärlern werden hier zudem viele Telegrafenleitungen und Gerätschaften zerstört. 46 Telegrafenmonteure in Wien.