122 sich mit dem Radiowesen befassen will, den anständigen Staatsbürger voraussetzen. Er möge ihm das ‚Hören‘ vollkommen freigeben und das Senden soweit als es die staatlichen und konzessionierten Betriebe in ihrer Arbeit nicht stört.“ 14 Doch lässt sich der Staat letztlich nicht in seine Hoheit hineinfunken, der Amateurfunk bleibt für die nächsten Jahre Utopie. Priorität hat für den Staat die kommerzielle Funktelegrafie für die internationale Korrespondenz, da durch den Krieg viele der Kabelverbindungen auf dem europäischen Kontinent zerstört sind, aber auch, um Devisen zu sparen, die am Landweg an durchquerte Länder zu entrichten sind. 15 Da der Staat die teure Technik aber nicht auf eigene Kosten installieren will, fällt einmal mehr die Entscheidung, eine Konzession an eine private Gesellschaft zu vergeben, die in Wien eine Funkanlage zur Abwicklung des Verkehrs mit dem Ausland errichten und betreiben soll. Den Zuschlag erhält Marconis Wireless Telegraph Company in London, die als Betreiberfirma eine Oesterreichische Marconi-Aktiengesellschaft einsetzt, welche alsbald Radio Austria AG genannt wird. Der Bund ist durch Aktienbesitz an der Gesellschaft beteiligt. Geleitet wird das neue Unternehmen vom ehemaligen Fregattenkapitän Franz Leist, der mit einigen ehemaligen Funkern der österreichisch-ungarischen Kriegsmarine den Betrieb aufbaut. 16 Die Zentrale befindet sich in der Renngasse in der Wiener Innenstadt, inmitten des Banken- und Geschäftsviertels. Hier erfolgt im Januar 1924 die feierliche Eröffnung, im Zuge derer der christlichsoziale Bundeskanzler Prälat Ignaz Seipel mit Blick auf den verheerenden Weltkrieg in einem Telegramm an den Völkerbund einen völkerverbindenden Geist beschwört: „Man würde nicht voll gerecht werden dem modernsten aller Verkehrsmittel, der drahtlosen Telegraphie und Telephonie, wollte man ihr bloß im wirtschaftlichen Leben der Völker eine Rolle zuerkennen. Ihre edle Bedeutung beruht darauf, daß sie die Verständigungsmittel der Völker um ein besonders wirksames vermehrt. Es sind weniger materielle Interessen, die die Völker voneinander scheiden. Würden sie einander besser kennen, so würden sie sich auch besser verstehen und gerechter würdigen. Wir wollen hoffen, daß die drahtlose Telegraphie und Telephonie in diesem Sinne segensreich wirken und nicht nur die räumlichen, sondern auch die seelischen Entfernungen überbrücken helfen wird. So könnte und sollte eine der größten Erfindungen der modernen Technik dem gleichen Ziele dienstbar gemacht werden, dem der Völkerbund nachstrebt.“ 17 Zur Abwicklung der Funktelegramme(„Radiogramme“ genannt) dienen die Stationen am Wiener Laaer Berg und in Deutsch-Altenburg. Obwohl
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Blitzschnell in die Ferne schreiben : Geschichte der Telegrafie in
Österreich / Wolfgang Pensold, Otmar Moritsch, Mirko Herzog
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