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Blitzschnell in die Ferne schreiben : Geschichte der Telegrafie in Österreich / Wolfgang Pensold, Otmar Moritsch, Mirko Herzog
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133 Aufgeber nichts von der Kontrolle bemerken. In einer eigens eingerich­teten Zensurstelle im Haupttelegrafenamt Berlin werden die ins Ausland gehenden Telegramme kontrolliert, vor allem die Berichte auswärtiger Journalisten. Bei Beanstandung werden sie entweder einbehalten oder aber nach entsprechender Rücksprache mit dem Absender in umformu­lierter Form abgeschickt. 11 Man will ungünstige Einschätzungen unterdrü­cken, um der Welt ein möglichst schönes Bild des nationalsozialistischen Staates zu bieten; man will den Schein wahren, um die tatsächlichen Ambitionen zu kaschieren. Die neue Fernschreibtechnik hält auch in Österreich Einzug. Die Telegra­fenverwaltung modernisiert und ersetzt auf diversen Linien alte Telegra­fenapparate durch Fernschreiber. Abgesehen davon wird auf der Wiener Herbstmesse des Jahres 1936 erstmals dieTeilnehmertelegraphie 12 präsentiert. Im Dezember führt ein Vertreter von Siemens& Halske einen Fernschreiber für den Selbstwählverkehr in den Räumen des Verbands der Herausgeber der österreichischen Tageszeitungen vor. Anwesend ist auch Edmund Weber, der Direktor der Amtlichen Nachrichtenstelle , wie das vormalige Telegraphen-Korrespondenz-Bureau , die staatseigene Nach­richtenagentur, nun heißt. Er ist sich der Bedeutung der neuen Technik für das Pressewesen bewusst und gibt sich überzeugt, dass sie bald auch in Österreich eingeführt werde. 13 Ende 1937 ist es soweit. In Wien wird das erste Fernschreibvermittlungsamt mit zehn Teilnehmern probeweise eröff­net und der Verkehr mit Deutschland und der Schweiz aufgenommen. 14 Nach bürgerkriegsähnlichen Ereignissen im Februar 1934, dem Putsch der Nationalsozialisten im Juli und immer brutaleren Erpressungsversuchen durch Hitlerdeutschland in den folgenden Jahren hat sich Österreich indes ebenfalls in einen autoritären Staat verwandelt, was sich letztlich auch an der Telegrafie zeigt. 1937 verpflichtet einBundesgesetz zum Schutze der öffentlichen Ruhe, Ordnung und Sicherheit die Dienststellen der bisherigen Post- und Telegraphenverwaltung , den Sicherheitsbehörden anlässlich von Gerichtsverfahren gegen Personen auch wegen unerlaubter politischer Betätigung auf Verlangen Auskunft über Ausmaß und Inhalt ihres Post-, Telegramm- und Telefonverkehrs zu erteilen. 15 Neben Kommunisten und Sozialdemokraten gilt der Kampf der faschistischen Ständestaatsregie­rungen vor allem den heimischen Nationalsozialisten, die, von der deut­schen Regierung heimlich unterstützt, eine Angliederung Österreichs an Deutschland fordern. Dieser Kampf geht am Ende verloren. Nachdem Engelbert Dollfuß dem Putsch der Nationalsozialisten im Juli 1934 zum Opfer gefallen ist, wird sein Nachfolger als Bundeskanzler, Kurt Schuschnigg, von Adolf Hitler im