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Blitzschnell in die Ferne schreiben : Geschichte der Telegrafie in Österreich / Wolfgang Pensold, Otmar Moritsch, Mirko Herzog
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145 Auf der Gegenseite wird versucht, deutsche Fernschreiben abzufangen und zu entziffern, wofür es nötig ist, Aufbau und Funktion der Zahnwalzen­mechanik sowie die aktuelle Stellung der Walzen herauszubekommen. Um dies zu verhindern, hält man auf deutscher Seite neben dem Verfahren und den Schlüsselunterlagen auch die Maschine selbst streng geheim. Sie darf nur in plombierten Kisten und nur in Begleitung einer Vertrauensperson transportiert und nur in bewachten Gebäuden wie Kasernen aufgestellt werden. Ist Bewachung nicht gewährleistet, sind Sicherungsmaßnahmen zu treffen, etwaPanzergitter an Türen und Fenstern anzubringen oder Alarmeinrichtungen zu installieren, die im Ernstfall bei der nächsten dau­ernd besetzten Wache anschlagen. 10 Grundsätzlich ist der Nachrichtenverkehr auf drahtgebundenen Linien relativ sicher, zumindest im Inland, nicht unbedingt im Ausland, wie sich zeigt. Nach der Besetzung Norwegens muss sich die deutsche Führung im öffentlichen schwedischen Leitungsnetz einmieten, um Verbindung zwischen dem deutschen und dem besetzten norwegischen Staatsgebiet herzustellen. Dies eröffnet dem schwedischen Geheimdienst die Möglich­keit, die Leitung anzuzapfen. Unter der Leitung von Arne Beurling, Mathe­matikprofessor an der Universität Uppsala, sind im Frühjahr 1941 rund 100 Personen damit befasst, aufgefangene deutsche Fernschreiben zu ent­schlüsseln. Beurling kommt zugute, dass deutsche Operateure eine Reihe von schweren Bedienungsfehlern begehen, indem sie Vereinfachungen verwenden und Vorschriften umgehen. So unterlassen sie es häufig, für jedes Telegramm fünf neue Walzenstellungen zu wählen. Dies verschafft Beurling viele Chiffrate, die auf ähnliche Schlüsseleinstellungen zurückge­hen, was die Rekonstruktion des Klartexts deutlich erleichtert. Die schwe­dische Militärführung verfügt bald über tausende entzifferte Fernschreiben und erhält dadurch ein recht gutes Bild von den deutschen Aktivitäten in Dänemark, Norwegen und Finnland. Als die Wehrmacht im Juni 1941 ohne Vorwarnung in der Sowjetunion einfällt, weiß man in Schweden Bescheid. 11 Geführt wird der brutale Krieg gegen die Sowjetunion von Hitler vom Füh­rerhauptquartier Wolfsschanze aus. Die gut getarnte und schwer bewachte Anlage liegt in einem dicht bewaldeten Gebiet in der Nähe der ostpreu­ßischen Stadt Rastenburg. Sie verfügt über Bahnhof und Flugplätze sowie zahlreiche Wohn- und Wirtschaftsgebäude samt Bunkern mit meterdicken Betondecken. In einem der Bunker ist die Nachrichtenzentrale unterge­bracht, von wo aus Fernsprech-, Fernschreib- und Funkverbindungen ins Reichsgebiet und an die Fronten bestehen. Hitler, der sich in seiner wahnhaften Selbstüberschätzung als begnadeter Feldherr begreift, hat da­durch die Möglichkeit, mittels seiner täglichen Lagebesprechung der so