146 genannten„Führerlage“ – direkt in die Kriegsführung einzugreifen. 12 Es ist eine abstrakte Kriegsführung am Kartentisch, ohne jede Empathie, weitab vom realen Leiden und Sterben. Dies wird neben unzähligen sowjetischen Soldaten auch vielen deutschen zum Verhängnis. Als die Soldaten der Wehrmacht im Winter 1941 vor Moskau in Sommeruniformen, dem Erfrieren preisgegeben, festsitzen, lehnt Hitler das Ersuchen des Kommandeurs Heinz Guderian ab, die Einheiten zurückzunehmen. Als Begründung folgt der menschenverachtende Rat, sich nicht vom Leiden der Soldaten leiten zu lassen, sondern einen Schritt zurückzutreten:„Glauben Sie mir, aus der Entfernung sieht man die Dinge schärfer.“ 13 Nicht weit vom Führerhauptquartier entfernt und mit diesem verbunden liegt das Feldhauptquartier des Oberkommandos des Heeres mit direkten Verbindungen zu den Kommanden der drei Heeresgruppen, hergestellt durch Führungs-Nachrichtenregimenter . Jedes Oberkommando der drei an der Ostfront operierenden Heeresgruppen verfügt über ein Heeresgruppen-Nachrichtenregiment und jede ihrer Armeen über ein Armee-Nachrichtenregiment , jede Panzergruppe über ein Panzergruppen-Nachrichtenregiment . Über ähnliche Strukturen verfügen natürlich auch die Kommanden in den anderen besetzten Teilen Europas. 14 Die Nachrichtentruppen bilden mit ihren hunderttausenden Angehörigen das Nervensystem der Kriegsmaschinerie. Um dessen Funktionieren auch bei stetig wachsendem Personalbedarf sicherzustellen und Nachrichtensoldaten für die Fronten freizumachen, werden im Reich und in besetzten Gebieten zunehmend junge Frauen eingesetzt. Sie arbeiten als Fernschreiberinnen, Funkerinnen oder Telefonistinnen und tragen auf der Uniform das Symbol der Nachrichtentruppe, einen Blitz, nach dem sie mitunter abschätzig„Blitzmädels“ genannt werden. 15 Nachdem durchgesickert ist, dass in Schweden deutsche Fernschreiben der Führungsebene mitgelesen werden, kommt eine verbesserte Version des„Geheimschreibers“ zum Einsatz. Zum Verschlüsseln werden nunmehr die zehn Zahnwalzen mit Hilfe einer speziellen Einstellmechanik, die in einem absperrbaren Kästchen am Fernschreiber sitzt, täglich programmiert. Dabei ist für jede der Walzen nicht nur eine bestimmte Drehstellung einzustellen, sondern auch, welche Funktion ihr zukommt. Fünf von ihnen wird die des„Vertauschens“ der fünf Binärzeichen eines jeden getippten Buchstabens zugewiesen. Das bedeutet, dass eine solche Walze das betreffende Binärzeichen in sein Gegenteil verkehrt, also von 1 in 0 oder von 0 in 1, wenn sie in ihrer aktuellen Drehposition gerade einen Zahn aufweist. Zeigt sie eine Zahnlücke, dann bleibt das Binärzeichen, wie es ist. Die verbleibenden fünf Walzen vollziehen ein„Verwürfeln“, indem sie die Reihenfolge der fünf Binärzeichen jedes Buchstabens ändern. 16 Die Funk-
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Blitzschnell in die Ferne schreiben : Geschichte der Telegrafie in
Österreich / Wolfgang Pensold, Otmar Moritsch, Mirko Herzog
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