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Blitzschnell in die Ferne schreiben : Geschichte der Telegrafie in Österreich / Wolfgang Pensold, Otmar Moritsch, Mirko Herzog
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149 Seine hohe Verlässlichkeit wiegt den Mangel an Übermittlungsgeschwin­digkeit aber auf. Je länger der Krieg dauert, umso stärker macht sich auch ein privates Bedürfnis nach einer schnellen Verbindung zwischen den Soldaten an den Fronten und ihren Angehörigen daheim bemerkbar. Die Menschen wollen wissen, wie es um ihre Angehörigen steht, ob sie gesund oder überhaupt noch am Leben sind. Es ist ein Bedürfnis, das schon im Ersten Weltkrieg festzustellen war und dem man schon damals nachgegeben hat, um die Kriegsmoral vor dem Zusammenbruch zu bewahren. 1942 werden deshalb trotz aller damit verbundenen Gefahren für den größten Teil der Ostfront Kuriertelegramme Front Heimat zugelassen. Die neue Verbindung soll helfen, Ungewissheit zu beseitigen. 20 Ein solches Kuriertelegramm wird in der Regel nach dem Dienstverkehr abgesetzt, läuft über die von den Nachrichtentruppen errichteten Fernschreibleitungen bis nach Berlin und wird dort zur Weiterbeförderung der Feldpost übergeben. Auf diese Wei­se erreicht es in aller Regel innerhalb von drei Tagen sein Ziel. Es unter­liegt jedoch erheblichen Einschränkungen. Die limitierte Länge von acht Worten, ausgenommen die Anschrift, soll eine Überlastung der Leitungen vermeiden. Soldaten dürfen zudem nur in dringenden Fällen etwa einer Verwundung, einer überraschenden Beurlaubung oder wegen einer Stel­lungnahme in wichtigen Familienangelegenheiten telegrafieren. Ansons­ten sind sie auf die recht langsame und von der Zensur gut überwachte Feldpost verwiesen. Die Verbindung zwischen Front und Hinterland ist in ihrer Bedeutung nicht zu unterschätzen. Briefe, Postkarten und Telegramme erlauben Familien­mitgliedern, die durch den Krieg voneinander getrennt worden sind, in Kontakt zu bleiben. Dadurch schafft die Reichspost eine Illusion von Nähe und stützt damit die Durchhaltebereitschaft der Bevölkerung. Neben dem riesigen Verkehrsaufkommen, das zur Administration und Len­kung eines aus Millionen Soldaten bestehenden Militärapparats nötig ist, stellen die enormen Distanzen, die der Krieg vor allem im Osten mit sich bringt, eine besondere Herausforderung für den Fernschreibverkehr dar. Es ist kaum möglich, das Leitungsnetz, das sich über tausende Kilometer ausdehnt, zu überwachen. Nicht zufällig werden neben Eisenbahnlinien und Brücken die Drahtleitungen zu einem bevorzugten Ziel einheimischer Partisanen, die auf diese Weise versuchen, die übermächtige deutsche Militärmaschinerie in ihrem Lauf zu stören. Gefahr droht der Wehrmacht aber auch dort, wo keine direkten Kabel­verbindungen existieren, und die Korrespondenz per Funk abgewickelt