186 Vor diesem Hintergrund verändert sich auch die Mobilfunkdienstleistung, die sich bald nicht mehr auf Gesprächsübertragung beschränkt. Über den„Short Message Service“ (SMS) besteht ab 1995 die Möglichkeit, geschriebene Kurznachrichten von jeweils höchstens 160 Zeichen an andere Teilnehmer zu versenden. Von Skeptikern anfangs belächelt, tritt die umständlich zu tippende SMS ihren Siegeszug um die Welt an. Ihre Verbreitung geht einher mit der Ausbildung einer bisher nicht vorstellbaren Fingerfertigkeit unter Teenagern, die die SMS als immer verfügbares Billigtelegramm für sich entdecken. Mit Hilfe eines mobilen Faxgeräts oder eines entsprechend adaptierten Personal Computers lassen sich im Übrigen auch Faxe drahtlos übertragen. 38 Entgegen manch kritischer Stimme, die dem Mobilfunk gesundheitsschädigende Folgen unterstellt, erobert das Handy innerhalb kürzester Zeit alle Gruppen der Gesellschaft. Außerdem entwickelt es sich zu einem multimedialen Kommunikationsgerät weiter, das mit dem„Multimedia Messaging Service“ (MMS) neben Sprach- und Textnachrichten auch Bilddateien übermitteln kann. Mit dem Anschluss ans Internet eröffnet sich jedoch eine neue Dimension. Das„Smartphone“ der 2000er-Jahre vollzieht mit Touchscreen und Internetbrowser die Fusion von Mobiltelefonie und Internet. Letzteres erfährt auf der Grundlage weltweiter Serverlandschaften ein rasches Anwachsen und bringt vielfältige und unglaublich erfolgreiche Dienste wie das Einkaufsportal Amazon , die Suchmaschine Google oder die Kommunikationsplattform Facebook hervor. Es sind globale Plattformen des freien Markts, frei von Gebühren, behördlichen Vorschriften und Kontrolle, frei nutzbar und oftmals sogar kostenlos – zumindest vordergründig. In Wahrheit sind die Daten, die von zahllosen Nutzerinnen und Nutzern bereitwillig in Verkehr gesetzt werden, das Kapital, mit dem die US-amerikanischen Konzerne ihre Profite machen. Sie sammeln die individuellen Daten in ihren„Clouds“ und vermarkten sie in großem Stil. Die Nutzerinnen und Nutzer zahlen mit Privatsphäre, die Frage des Datenschutzes wird im Zeichen von„Big Data“ wichtiger denn je. Völlig überstrahlt von modernen„Social Media“, wie die digitalen Kommunikationsplattformen bald genannt werden, verschwinden die überkommenen Formen des telegrafischen Verkehrs weitgehend unbemerkt. Ende 2001 wird neben dem Bildschirmtext auch der Fernschreibbetrieb eingestellt, der während der vergangenen Jahre einen kontinuierlichen Rückgang erfahren hat; die letzten paar hundert verbliebenen Teilnehmer werden gekündigt. Gleichzeitig wird das Auslandstelegramm eingestellt, Ende 2005 das Inlandstelegramm, nachdem zu dieser Zeit keine 10.000 mehr pro Monat versendet werden. 39 Es ist das Ende einer klassischen Form, die längst ausgehöhlt ist von ihren Nachfolgern, die sich als viel
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Blitzschnell in die Ferne schreiben : Geschichte der Telegrafie in
Österreich / Wolfgang Pensold, Otmar Moritsch, Mirko Herzog
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