Vom Lebenssinn der Technik.
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und Gesellschaftsleben verflochten und jede große Zeitenwende beeinflußt daher auch die Stellung der Technik innerhalb des Kulturgeschehens. Eine solche durchgreifende Wandlung hat nun der Weltkrieg hervorgerufen und damit die Meinung weiter Kreise über das Wesen und die Aufgaben der Technik wirksam verändert. Galt die Technik vor dem Weltkrieg im Sinne der liberalen Schule hauptsächlich als privat wirtschaftliches Mittel zum Geld verdienen für Einzelunternehmer, Gesellschaftsfirmen, Kartelle und Banken, so wird die Technik gegenwärtig schon in manchen Ländern mehr und mehr im sozialen Sinn als volks- und staatswirtschaftliches Mittel zur Hebung der Bodenkultur, zur Erzeugung von Heimstoffen, zur Neugestaltung der Güterherstellung und -Verteilung, zum Ausgleich gesellschaftlicher Gegensätze durch allgemeinen Arbeits- und Wehrdienst, zur Kürzung der Arbeitszeit bei gleichem Lohn, zur Verbesserung des Verkehrs- und Siedlungswesens, kurz zum Dienst am Volksganzen im erhöhten Maße herangezogen.
Der Gewaltfriede nach dem großen Krieg hat aber auch eine entgegengesetzte, dem Lebenssinn der Technik völlig widersprechende, weltpolitische Einstellung zur Folge gehabt. Denn obwohl die Technik einen überstaatlichen Charakter trägt und obwohl ihre Bahnlinien alle Kontinente durchqueren, ihre Flugzeuge über Länder und Meere hinziehen und ihre drahtlosen Wellen den Erdball umkreisen, so wird die weltwirtschaftliche Bedeutung der Technik doch von der Weltpolitik geflissentlich übersehen und durch Zoll- und Geldschranken, durch ausschließende Autarkiebestrebungen und durch künstlich genährten Völkerhaß immer mehr unterbunden und trotz Völkerbund und Paneuropabewegung immer stärker eingeengt.
Angesichts dieses Wirrsals taucht die Schicksalsfrage auf, ob die Technik fernerhin der Privatwirtschaft als gewinn verheißendes Machtinstrument auf Gnade und Ungnade ausgeliefert werden soll, oder ob die Technik für die Volksund Wehrwirtschaft und darüber hinaus für die Weltwirtschaft als eine segenbringende Kraftquelle allenthalben anerkannt und angewendet werden wird.
Die Technobiotik lehrt, daß die Technismen nichts anderes darstellen als leibfremde Organe, die imstande sind, die materiellen Fähigkeiten des Menschen ins Ungemessene zu steigern, ihn zum Herrn über die Naturenergien setzen und ihm dadurch die gewaltigsten Waffen für den Lebenskampf in die Hand zu geben. Gleichwie nun die einzelnen Gliedmaßen des Körpers durch ihr Zusammenwirken den menschlichen Gesamtorganismus fördern, so wird auch der Lebenssinn der Technik erst dann voll erfüllt, wenn die technischen Schöpfungen als gemeinnützige Behelfe und soziale Bindeglieder erkannt und dem gesamten Wirtschafts- und Gesellschaftskörper dienstbar gemacht werden, um allem Volke jene Lebensmöglichkeiten zu bieten, die menschlichen Wesen geziemen. — Dazu kann dem Volke weder der Liberalismus noch der Kommunismus, sondern nur die „soziale Ingenieurkunst“ verhelfen.
Oskar von Miller hat als sozial denkender Ingenieur diese Forderungen der Technobiotik folgendermaßen programmatisch zusammengefaßt: „Die Technik hat die Produktionsfähigkeit beinahe unbegrenzt gesteigert, gleichzeitig die erforderliche menschliche Arbeitsleistung vermindert und die Möglichkeit geschaffen, Erzeugnisse an alle Menschen zu liefern, somit allen Menschen Zeit für geistige und körperliche Erholung zu geben. — Die Wirtschaft hat nun die Aufgabe, diese erhöhte Leistungsfähigkeit auf die für die Menschheit wichtigsten Bedarfsgebiete