Aufsatz 
Vom Lebenssinn der Technik / von Ludwig Erhard
Entstehung
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L. Erhard

zu lenken, die ersparte Arbeitszeit zur körperlichen und geistigen Ertüchtigung der Schaffenden auszunützen und durch die richtige Verteilung der anfallenden Arbeiten und der Produkte die allgemeinen Lebensbedingungen zu verbessern. Diese soziale Aufgabe vermag aber die Wirtschaft keineswegs durch bloßen Krämergeist, der auf billigen Einkauf und teueren Verkauf abzielt, befriedigend zu lösen; ja manche eigen­süchtigen Fabrikanten und Verleger alten Stils wollen auch heute noch durch geradezu antitechnische Mittel, wie Lohndruck, Schwitzarbeit, Schunderzeugung und Preis­treiberei, ihren Profit machen. Eine zeitgemäße, ihrer Verantwortung bewußte Wirt­schaftsführung wird dagegen den allgemeinen Lebensstand vorwiegend durch solche sozial-technischen Maßnahmen zu heben versuchen, wie sie in mustergültig eingerich­teten und betriebenen Werken gegenwärtig schon allenthalben anzutreffen sind.

Die Sklaven des Altertums haben als biologische Vorläufer der Maschinen die Angehörigen der damaligen Herrenschicht von der körperlichen Arbeit entlastet. Gleichwie nun die Sklavenarbeit eine notwendige Voraussetzung für die antike Geisteskultur bildete, so könnte auch in ferner Zukunft durch das Anwachsen der Maschinennutzung bei gleichzeitiger Übertragung der erforderlichen Werkleistungen an die Arbeitsfähigen und bei planmäßiger Vermittlung der Güter an die Käufer die dräuende Arbeits- und Erwerbslosigkeit unserer Tage gebannt und die Kürzung der Arbeitszeit sogar in jene kulturfördernde Muße umgewandelt werden, in welcher gesundes und geklärtes Menschentum neues Leben gewinnen könnte. Daher sollten namentlich die Verfechter echt humanistischer Bildung ihr Augenmerk der soziologischen Entwicklung der Technik besonders zuwenden, denn einzig und allein die von ihnen so sehr verfemte Technik vermag die geisttötende, aber heute noch in Tausenden von Betrieben notwendige Arbeitsfron allmählich den dienstbereiten Maschinen aufzubürden und hierdurch die Werkleute in wahrer Humanität zu anderweitiger menschenwürdiger Arbeit freizusetzen. Alle den Geist und Körper schädigende Werkarbeit gehört letztlich doch in die Hand der Maschine.

Bei der nunmehr einsetzenden neuen Kulturgestaltung der Nachkriegszeit werden sicher nur jene Völker den geistigen Sieg erringen, welche den Lebenssinn der Technik am tiefsten erfassen, die Bildungswerte der Technik dem völkischen Erziehungswerk am engsten einverleiben und dem Mißbrauch der Technik infolge der Sonderpolitik einzelner Interessentengruppen am wirksamsten entgegentreten gemäß dem Worte: Nicht anbeten und nicht verdammen soll man die Technik, sondern sie als Werkzeug des Lebens zum Gemeinwohl nützen!

Anhang.

Biotechnische und technobiotische Kurven.

A. Biotechnische Kurven (Abb. 7).

Voraussetzungen:

a) Im offenen Raum verdoppeln sich organische Zellenmengen m, durch Zellteilung in gleichen Zeitabständen nach einer geometrischen Reihe.

b) In einem geschlossenen Raum V tritt aber dieser ungehemmten Zellen­vermehrung ein Sättigungsdruck p entgegen, der mit der Anhäufung der Zellen- mengen zunimmt.