Aufsatz 
Viktor Kaplan / von Alfred Lechner
Entstehung
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Alfred Lechner

einander verschiedene konstruktive Durchführungen. Ist die Billigkeit der Betriebs­kosten verlangt, was bei einem Stabilmotor wohl die Hauptsache ist, so wird sich zur Einspritzung am besten Luft eignen, da bei dieser von einem Preise nicht ge­sprochen werden kann. Wie ersichtlich, sind die Vorgänge mit jenem eines Ex­plosionsmotors gewöhnlicher Bauart im Anfang gleich und erst nach der Explosion findet der abweichende Vorgang statt, welcher darin besteht, daß in dem Moment, in welchem die Explosion vorüber ist, durch ein gesteuertes Ventil eine solche Menge Luft von niederer Temperatur in den Explosionsraum eingespritzt wird, daß die entstehende Mischtemperatur niedrig genug ist, um eine Wasserkühlung entbehrlich zu machen.

Selbstverständlich ist dieser Vorgang nur dann möglich, wenn die Luft vorher durch einen Kompressor auf eine Spannung gebracht wurde, welche größer ist als die Explosionsspannung. Die eingespritzte Luft von niederer Temperatur mischt sich jetzt mit den heißen explodierten Gasen und es tritt ein Wärmeaustausch ein. Gleichzeitig hat auch eine Druckerhöhung stattgefunden, da sich durch die Luft­einspritzung die Gewichtsmenge des Arbeitsmediums vermehrt hat. Die Wärme- mitteilung an die eingespritzte Luft hat aber eine Volums- bzw. Druck Vergrößerung der letzteren zur Folge, welche durch die nun folgende Expansion des Gemisches in äußere Arbeit umgesetzt wird. Die theoretischen Untersuchungen, welche ich als Doktordissertation der k. k. Technischen Hochschule in Wien eingereicht habe, zeigen, daß die auf diese Weise erzielte Mehrleistung sehr bedeutend ist, daß sie nämlich jene der Motoren mit Wasserkühlung rund um das Vierfache übertrifft.

Die Abnahme der Explosionstemperatur ist durch Einspritzen von 30 kg Luft pro Stunde und Pferdekraft schon ziemlich beträchtlich und beträgt rund 1200 Grad.

Interessant ist ein Vergleich dieses Einspritz-Explosionsmotors mit dem Diesel­motor, welcher derzeit als der vollkommenste aller Motoren angesehen werden kann.

Es würde sich diesem gegenüber eine Verbesserung noch um 23 Prozent ergeben.

Was die zweite Motortype anlangt, welche sich durch die relative Leichtigkeit auszeichnen soll, so ist vor allem klar, daß sich zu diesem Zwecke vorzugsweise verflüssigte Gase eignen werden, da dieselben im verflüssigten Zustand einen kleinen Raum einnehmen und bei gewöhnlicher Temperatur hohe Expansivkraft besitzen. Ich habe vorzugsweise die flüssige Kohlensäure meinen theoretischen Unter­suchungen zugrunde gelegt.

Die Berechnungen stellen auch hier eine bedeutende Mehrleistung an Nutz­arbeit in Aussicht, was sich leicht erklärt durch die hohe Expansivkraft (rund 45 Atmosphären) der flüssigen Kohlensäure. Die Mehrleistung an Arbeit beträgt rund 400 Prozent. Er leistet also bei demselben Gewicht das Vierfache.

Aus diesem Grunde dürfte daher der Kohlensäure-Explosionsmotor geeignet sein, nicht nur eine Umwälzung im Automobilmotorenbau hervorzurufen, sondern auch zur Lösung des Luftschiffproblems, das nach Ansicht von Fachleuten nur mehr eine Motorenfrage genannt werden kann, mit Erfolg beizutragen.

Dieser Vortrag, den Kaplan am 17. März 1903 im Wiener Ingenieur- und Architekten-Verein gehalten hat, dessen Inhalt durch die Tageszeitungen ,,Die Zeit undDie Reichswehr rasch verbreitet wurde, hatte für Kaplan unangenehme Folgen. Er befand sich eben auf Urlaub, als ihm ein Schreiben der Direktion der