Viktor Kaplan.
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Leobersdorfer Fabrik zugestellt wurde, worin die Firma seine Stellung ab 30. Juni 1903 kündigte. Es ist begreiflich, daß eine Firma, welche gerade die Fabrikation des Dieselmotors auf genommen hatte und dessen Güte entsprechend hervorhob, nicht besonders erbaut sein konnte, wenn einer ihrer Ingenieure in einem Vortrag ausführte, daß sein neuer Motor den Dieselmotor um 23% übertreffen werde. Anderseits muß man sich aber auch in die Lage des jungen Ingenieurs versetzen, der, begeistert von seiner Idee, die Worte nicht auf die Waagschale legte und nun plötzlich eine unerwartete Kündigung erhält. Besonders ernst scheint es übrigens die Direktion mit der Kündigung nicht genommen zu haben, denn auf Grund eines bestürzten Schreibens von Kaplan und einer entsprechenden Erklärung von seiner Seite wurde diese Kündigung bald wieder zurückgenommen. Kaplan blieb weiter Ingenieur in Leobersdorf, aber der Vorfall löste bei ihm doch das Streben aus, seine Stellung zu wechseln und an jene Stätte zu gelangen, wo er ungestört seinen Untersuchungen nachgehen könne. Die Motorangelegenheit bedeutete außer einem Stellungswechsel noch einen anderen Wendepunkt in seinem Leben, der hier näher besprochen sei.
Wie aus seinen eigenen Ausführungen hervorgeht, hatte Kaplan den Grundgedanken des neuen Motors unter dem Titel: „Theoretische Untersuchungen über die Beeinflussung des thermischen Wirkungsgrades durch Einspritzen von komprimierter Luft, bzw. Kohlensäure in den Explosionsraum eines Explosionsmotors“ als Dissertation an der Wiener Technischen Hochschule eingereicht. Diese Arbeit, welche rein theoretisch gehalten ist, wurde Kaplan mit dem Bedeuten, die Untersuchungen durch Vornahme von Versuchen zu ergänzen, zurückgestellt; wohlgemerkt, nicht abgewiesen, sondern behufs Ergänzung zurückgegeben. Einer neuerlichen Einreichung derselben Arbeit stand nichts im Wege. — Kaplan empfand aber damals diesen Bescheid als große Härte. Später jedoch kennzeichnete er diese Angelegenheit durch folgende Schlagworte: „Der erste Dieselmotor wurde bei Ganz gebaut, 1 große Anregung, theoretische Untersuchungen mit Hilfe der Wärmetheorie angefangen, glaubte, man kann mit Blei und Papier ein neues Gebilde errichten.“...
Diese Bemerkung zeigt, daß Kaplan später jedenfalls erkannte, daß rein theoretische Untersuchungen allein nicht ausreichen, um in der Technik eine schöpferische Tat zu vollbringen. In Zukunft verließ er auch den experimentellen Weg nie. Die Versuche über den Motor begann Kaplan in Leobersdorf, sie blieben aber dort unvollendet. Später nahm er sie zwar wieder auf, aber zu einem Abschluß sind diese Versuche mit Rücksicht auf seine Tätigkeit im Turbinenbau nicht gediehen, 2 obwohl Kaplan manchmal geäußert hat: „Wenn ich mit derselben Energie,
1 Gemeint ist der erste Dieselmotor, den die Firma Ganz gebaut hat. Die Notiz erliegt im Archiv in Unterach.
2 Vgl. Zeitsclir. d. üsterr. Ing.- u. Arch.-Ver. 1912, S. 154. — Als Kaplan am 30. Jänner 1912 daselbst einen Vortrag: „Versuche über die Sichtbarmachung der Strömungserscheinungen in den Turbinen“ hielt, richtete in der folgenden Diskussion Ing. Aufriciit an Kaplan die Anfrage, was aus dem Explosionsmotor geworden sei. Kaplan antwortete, daß die vielversprechenden Versuche mit demselben unterbrochen werden mußten und erst nach Beendigung der Turbinenversuche von neuem aufgenommen werden sollen.