Aufsatz 
Viktor Kaplan / von Alfred Lechner
Entstehung
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Alfred Lechner

die ich für meine Turbine aufgewendet habe, mich mit dem Motor beschäftigt hätte, würde auch daraus etwas Rechtes entstanden sein.

Durch den Bescheid über die Dissertation wurde auch die Erlangung des Doktorats hinausgeschoben. Kaplan scheint dadurch in seinem Streben und in seinen Zukunftsplänen bezüglich der akademischen Laufbahn, die er damals schon einzuschlagen gedachte, behindert worden zu sein. In dieser Zeit ist es sein Vater, der ihn aufrichtet.

Überall, so heißt es in einem Briefe vom 5. Mai 1903,wird man von Dir eine längere Praxis, eine erfolgreiche berufliche Tätigkeit verlangen, mit dem Doktortitel allein wirst Du nicht weit kommen. Ich rate Dir daher, zuerst eine intensive Berufstätigkeit zu entwickeln, zu trachten, daß Du eventuell im Auslande Deine Kenntnisse erweiterst ; ein junger Mann, der nichts in der Welt mitgemacht, nichts gesehen hat, kann anderen kein Professor sein; denn nur aus dem Heim der Praxis können die technischen Wissenschaften sich weiter entwickeln.

Das lebendige Beispiel hast Du doch an B. v. J.; seit ich ihn kenne, aspiriert er Professor zu werden; wann ist er es geworden? Im reifen Mannesalter, bald 50 Jahre alt, konnte er erst eine Professur erreichen. Du glaubst allen schönen Worten, die die Leute gebrauchen, statt den wahren Wert derselben zu erkennen, bist viel zu sehr von Deinen Erfindungen eingenommen, die ja ein schönes Streben bekunden; dabei darf man aber die nackte Wirklichkeit nicht aus dem Auge lassen und muß sich seinem Berufe vollends widmen, weil man von den geträumten Er- finderreichtümern nicht leben kann und sich kein zweiter Hans (Warhanek 1 ) finden wird, der solche im vorhinein eskomptiert; ich rate Dir daher in vollem Ernste, Dich ganz und voll Deinem Berufe, Deiner beruflichen Tätigkeit hinzugeben, dann wird das andere alles kommen... .

Es sind treffliche Worte, die der Vater an den Sohn richtet! Und doch ist Viktor seinen eigenen Weg gegangen. Die Motorangelegenheit hat Kaplan den richtigen Weg einschlagen lassen; künftighin beruhen seine Arbeiten auf einer glück­lichen Synthese von Theorie und Experiment.Das andere alles ist, wie der Vater sich ausdrückte, sehr bald gekommen.

Seit dem Kündigungsvorfall trachtete Kaplan von Leobersdorf fortzukommen. Er richtete an Ämter und Firmen verschiedene Gesuche. Zu seinem Schmerz erhielt er überall vertröstenden aber ablehnenden Bescheid. Was Kaplan damals nicht ermutigend gefunden haben mag, gereichte ihm später zum Glück und Segen! Ein Zufall führte ihn an jene Stätte, wo er seinem Streben, seinen Fähigkeiten nach hingehörte. Ein Zufall war es nämlich, daß gerade in jenen Tagen Professor Donath von der Deutschen Technischen Hochschule in Brünn nach Leobersdorf kam und von dem dortigen Stationsvorstand Lichtenstern auf Kaplan aufmerksam ge­macht wurde und daß zufällig die Stelle eines Konstrukteurs bei der Lehrkanzel Professor Alfred Musil an der Brünner Hochschule zur Besetzung gelangen sollte. Gleichzeitig bot sich Kaplan auch die Möglichkeit, bei Professor Bauer an der Bergakademie in Leoben eine Konstrukteurstelle zu erhalten. Er zog aber Brünn vor und trat dort am 31. Oktober 1903 seinen Dienst als Konstrukteur an.

1 Hans Warhanek, ein Vetter Kaplans, unterstützte seinerzeit die Motor­angelegenheit geldlich.