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32 Alfred Lechner
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Abendessen wieder an seinem Schreibtisch sitzen und bis in die tiefe Nacht hinein seinen hydraulischen Problemen hingegeben. Bei dieser anstrengenden Tätigkeit war ein längerer Schlaf eine Notwendigkeit, der zufolge Kaplan in der Früh auch gerade noch zur rechten Zeit ins Kolleg eilte.
Diesen Umstand hat auch sein Vater ganz richtig vorausgesehen; denn in einem humorvoll gehaltenen Brief aus dieser Zeit findet sich folgende Stelle: ,,Ich fürchte nur, daß Du den Wecker nicht hören und öfter das Kollegium, bzw. die Vorlesungen versäumen wirst; da könntest Du den Wecker mit einer Maschine in Verbindung setzen, die Dich zur angegebenen Zeit fest rüttelt, eventuell aus dem Bette hebt, so eine Kranvorrichtung ließe sich gewiß konstruieren.“
Jeder akademische Lehrer hat das Bestreben, der akademischen Jugend die Ergebnisse seiner Arbeit mitzuteilen und es ist daher selbstverständlich, daß Kaplan seine Hörer mit seinen Forschungen vertraut gemacht hat. Über seine Vorlesungstätigkeit berichtet einer seiner ehemaligen Hörer, Ing. Karl Knirsch 1 in Hohenau, folgendes:
,,Dr. Kaplan trug seinerzeit, es war im Studienjahr 1912/13, schon seine Vorlesungen über Wasserturbinen vor und hatte einen sehr guten Ruf unter der gesamten Hörerschaft, um so mehr, da er seine Vorträge sehr interessant gestaltete und stets von seiner Theorie schon uns jüngeren Hörern Mitteilung machte, wie er in seinem Versuchslaboratorium an seiner konstruierten Wasserturbine neue, ganz unbekannte Wege der Wasserströmung durch Färbung des hindurchströmenden Wassers festgestellt hat, worüber er oft selbst mit freudestrahlendem Antlitz uns wie ein leuchtender Stern am wissenschaftlichen Firmament vorkam. Daß es uns Jungen gegönnt war, mit einer so hervorragenden Kapazität zusammenzukommen, war unsere größte Freude. In seinem echt wienerischen Dialekt hielt er uns seine Vorträge über das bisher Gefundene und erläuterte uns seine Theorie, was wir leider zu jener Zeit noch nicht ganz erfassen konnten, denn unser Verständnis war noch nicht so weit wissenschaftlich gedrillt, um all das auffassen zu können, was uns Dr. Kaplan so aus dem Stegreif über seine Turbine erzählte. Seine Vorlesungen waren gegenüber jenen anderer Professoren stets sehr gut besucht. Ab und zu kam es auch vor, daß zur angesagten Vorlesungsstunde unser lieber Doktor nicht erschien und wir auf ihn sehr lange warten mußten. Plötzlich raste er zur Türe herein wie der fliegende Holländer und entschuldigte sich mit folgenden Worten: ,Es war gerade wieder eine strenge Untersuchung an meiner Wasserturbine und in meine Arbeit ganz vertieft, vergaß ich, daß heute Vorlesung sei.‘“
Die akademische Jugend hat über die Güte ihrer Lehrer immer eine ganz richtige Empfindung und hat auch mit ihrem LVteil über Kaplan recht behalten. — Schulfuchserei und Pedanterie waren Kaplan fremd.
Aber nicht nur bei der studierenden Jugend, auch bei dem gesamten Lehrkörper der Deutschen Technischen Hochschule in Brünn erfreute sich Kaplan der uneingeschränkten Wertschätzung und Sympathie. Der Name des Privatdozenten Kaplan stand damals schon in der Gelehrtenwelt und in der Industrie in hohem Ansehen. Ein Beweis dafür ist das Berufungsschreiben der Technischen Hochschule
Dieser Bericht wurde von Hofrat Ing. F. Osswald zur Verfügung gestellt.