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Alfred Lechner
Versuchen wir uns die Standpunkte beider Partner verständlich zu machen. Kaplan hätte zwei Möglichkeiten gehabt, mit seiner Erfindung hervorzutreten. Er hätte die Ergebnisse seiner Untersuchungen in einer wissenschaftlichen Zeitschrift oder in Buchform veröffentlichen und die Verwertung seiner mühevollen Arbeit kostenlos anderen überlassen können. Er wäre dabei ebenfalls zu hohem Ansehen gelangt, aber man kann überzeugt sein, ein „Federkrieg“ wäre ihm nicht erspart geblieben. Es hätte gewiß auch nicht an Stimmen gefehlt, die an diesen theoretischen Ausführungen Mängel entdeckt und die „neue Turbine“ als eine „Utopie“ mit ein paar Federstrichen abgetan hätten, wie es ja auch, obwohl Kaplan einen anderen Weg eingeschlagen hat, tatsächlich geschehen ist. Die zweite Möglichkeit bestand darin, daß Kaplan über seine Turbine nichts veröffentlichte, sondern bestrebt war, mit der Industrie Fühlung zu nehmen und diese für die Verwertung seiner Erfindung zu gewinnen trachtete. Daß es ihm gelungen ist, sich auch in dem folgenden Kampf um die Verwertung seiner Erfindung zu behaupten, beweist, daß Kaplan auch über die Fähigkeit des „Sichdurchsetzens“ verfügte, eine Eigenschaft, die manchem Erfinder leider fehlt und deren Mangel als eine der Hauptursachen des Erfinderelends anzusehen ist.
Kaplan gehörte der Gelehrten weit an, reines wissenschaftliches Streben zeichnete seine Arbeit bis dahin aus. Ganz allmählich kam er auf Grund seiner wissenschaftlichen Überlegungen zu einer neuen Turbine mit hoher spezifischer Drehzahl 1 und hohem Wirkungsgrad. Durchdrungen von der Richtigkeit seiner Ideen, mit kühnem Forscherblick manches als richtig erkennend, wofür der exakte Beweis noch ausstand, von reinstem Optimismus bezüglich seiner Konstruktion beseelt, mußte er bei seiner Handlungsweise mit jener Welt in Widerstreit geraten, die eine Erfindung nicht nach bloßen Ideen, sondern nur nach wirtschaftlichen, Erfolg versprechenden Tatsachen wertet und auch nur nach diesen werten darf. Ein großes Industrieunternehmen, das tausende Arbeiter versorgt, das notwendigerweise bei dem heißen Konkurrenzkampf bestrebt sein muß, seine Position durch Lieferung von gediegener Ware zu behaupten, sträubt sich natürlich, eine Erfindung, auch wenn sie wissenschaftlich begründet ist, ohne praktische Erprobung einzuführen und anzubieten. Diese beiden grundsätzlich verschieden eingestellten Welten mußten zunächst aneinanderprallen. Auf der einen Seite der vorwärtsdrängende, von der Güte seiner Erfindung ehrlich überzeugte Erfinder, auf der anderen Seite die nüchtern urteilende, alles genau überlegende Großindustrie. Das Zögern derselben, die Vereinigung mehrerer Firmen zu einem Syndikat, die Kenntnis des widrigen Schicksals mancher Erfinder hatten Kaplan mißtrauisch werden lassen. Anderseits waren die Patente, wenn auch angemeldet, doch noch nicht erteilt. Wer leistete den Firmen Gewähr, falls sie Verträge in diesem Augenblick abschließen, daß nicht ein Patenteinspruch von fremder Seite erfolge. Nur so ist die Tatsache zu verstehen, daß manche Firmen, welche mit Kaplan in Verbindung
1 Aus der Formel für die spez. Drehzahl n s
n \ N
, wobei n die Umdrehungszahl
II 1 II
je Minute, N die Leistung in Pferdestärken und H die Gefällshöhe in Meter bedeuten, ergibt sich, daß n s auch jene Drehzahl angibt, welche die Turbine bei II = 1 m und N = 1 PS hätte.