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Alfred Lechner
über diese Erfindung äußerte und auch erklärte, daß Allis Chalmers weder derartige Räder hergestellt hat, noch auch ohne Einwilligung Kaplans solche herstellen lassen wird. Dann brach der Weltkrieg aus, der Briefwechsel mit Amerika kam ins Stocken. Wie groß muß daher Kaplans Erstaunen gewesen sein, als er im Mechanical Engineering 1919 eine Veröffentlichung von Forrest Nagler, Ingenieur bei Allis Chalmers, über: „A New Type of Hydraulic Turbine Runner“ vorfand, welcher die Merkmale der KAPLANschen Erfindung auf wies. Professor Budau 1 kann an einen „unfairen“ Vorgang in Ingenieurkreisen nicht glauben und spricht die Vermutung aus, daß Nagler „vielleicht schon vor 10 Jahren und länger Propellerturbinen gebaut habe“. Professor Oesterlen bespricht den Vorfall in der Zeitschrift des Vereines Deutscher Ingenieure, 1921, S. 409, im Artikel „Schnellaufende Wasserturbinen“ ebenfalls. Es wird dort berichtet, daß Nagler 1919 angibt, bereits im Jahre 1913 ein Axiallaufrad geschaffen zu haben, aber erst 1915 zu spezifischen Drehzahlen n s > 450 gelangt sei. Oesterlen kommt dann zu dem Schluß, „daß, selbst wenn in Nordamerika schon 1913 Wasserturbipenlaufräder mit rein axialem Durchfluß versucht worden sind, Professor Kaplan doch sicher zum ersten Male die Laufradform nach Abb. 14 (der Zeitschr. d. Ver. dtsch. Ing., 1921), also mit nur vier Schaufeln und ohne Außenkranz angewandt hat und als deren Erfinder anzusehen ist“. — Es kann nicht Aufgabe der vorliegenden Biographie sein, Untersuchungen über die Priorität der amerikanischen Erfindung anzustellen.
Der geschilderte Vorfall bleibt aber jedenfalls merkwürdig, zumal da Nagler auf den Artikel Kaplans in der „Wasserkraft“ (1921, S. 42) nicht geantwortet hat. Wir erwähnen diesen Vorfall nur, um zu zeigen, wie berechtigt das vorsichtige Vorgehen Kaplans war. Der geschilderte Umstand rechtfertigt auch das Zurückhalten jeder näheren wissenschaftlichen und konstruktiven Mitteilung von seiner Seite über die Bauart der neuen Turbine, welche Tatsache ihm oft aus dem wissenschaftlichen Lager zum Vorwurf gemacht worden ist. Die Folge dieser Vorsicht war, daß die Verhandlungen sich — sehr zu seinem Nachteil — in die Länge zogen. In seinem Buche „Theorie und Bau von Turbinenschnelläufern“ berichtet Kaplan schon sehr abgeklärt folgendes (S. 189): „Je mehr sich diese Vertreter von der Stichhältigkeit der Kaplanturbinentheorie überzeugen ließen, um so größeren Widerständen begegnete der Vertragsabschluß, denn dem berechtigten Wunsch, das Laufrad bzw. die Patentanmeldung zu sehen, begegnete ich mit dem nicht minder berechtigten Einwande, daß ich nicht gewillt sei, die technische Neugierde irgendeiner auf dem Gebiete des Schnelläuferbaues führenden Firma zu befriedigen und so ihre Bestrebungen in dem Bau schnellaufender Turbinen kostenlos zu fördern. — So ereignete es sich nicht selten, daß die Vertreter wieder unverrichteter Dinge abzogen, mit der Begründung, daß man die Katze doch nicht im Sack kaufen wolle.“
Kaplan beurteilt also im Jahre 1931 die Stellungnahme der Firmen ganz richtig, aber mit Rücksicht auf die seinerzeit gemachten Erfahrungen möge man auch seinem Vorgehen Verständnis entgegen bringen.
1 „Die Entwicklung der Wasserturbinen in den letzten 15 Jahren“, Die Wasserkraft, 1922, Heft 11.