Mitteilungen und Berichte.
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Sehen wir in dieser Anzeige von allen Darlegungen ab, die dem Privatleben des Verfassers gelten und in denen Familiensinn und Freundestreue mit wohltuender Wärme berühren, so tritt uns mit stärkster Eindruckskraft eine Willenspersönlichkeit von reichster Begabung und immer weiter und tiefer greifender Organisationsfähigkeit und rastlosem Unternehmertrieb entgegen. Die Stationen des Lebensweges des jungen Berg- und Hütteningenieurs, der aus alter preußischer Familie stammt, in zartester Kindheit nach Wien kam und preußisches und österreichisches Wesen in glückliche Harmonie setzte, zeigen einen steilen Anstieg, der in erster Linie der eigenen Tüchtigkeit zuzuschreiben ist: Ingenieur in den Eisenwerken von Witkowitz, dann an leitender Betriebsstelle der oberschlesischen Eisenbedarfs-Aktiengesellschaft, gewinnt Günther den „Feldherrnstab im Tornister“, als er zur Böhmischen Montangesellschaft Übertritt und unter der genialen Generaldirektion Kart. Wittgensteins, zunächst Mitarbeiter Wilhelm Kestraners, in einen immer wachsenden Wirkungskreis gelangt. Nun entfaltet sich der Techniker, der bisher im industriellen Betrieb seine hohen Qualitäten bewiesen hatte, in den engen Beziehungen zu führenden Bankkreisen auch zum Fachmann der kommerziellen und finanziellen Arbeit großen Stils. Die Übernahme der Generaldirektion der Skodawerke, die er nach Wien verlegt, führt ihn zu neuen organisatorischen Leistungen in personeller und sachlicher Richtung, und sie bringt ihn in engen Kontakt mit den außen- und innenpolitischen Problemen der Rüstungsindustrie. Wieder bewährt sich sein Streben der Betriebserweiterung, der Steigerung der Güte und der Senkung der Kosten der Erzeugung. Die nächste Stufe ist bezeichnet durch den Eintritt in den Konzern der Bodenkreditanstalt und in die Stelle des Generaldirektors der österreichischen Berg- und Hüttengesellschaft, höchst fruchtbar für die Hüttenwerke, für die Steyrwerke und die anderen Konzernunternehmen dieser Großbank, begleitet von einer wissenschaftlichen Tat: dem Anteil an der Gründung des Wiener Technischen Museums. Eine neue, zweite Periode bedeutet für dieses Leben der Weltkrieg, der Günther zur hohen Leistungssteigerung der Steyrwerke, zur Sicherung des Ostrau-Karwiner Montangebietes gegen einen drohenden russischen Einbruch, zur Konzentrierung der österreichischen Industrie im Reichsverband führt und ihm einen Höhepunkt der Lebenskurve im Angebot der Ministerpräsidentschaft durch Kaiser Karl (Oktober 1918) bringt. Beachtenswerte Streiflichter fallen auf Siegharts Sturz und in der Schilderung mehrmaliger Audienzen auf Karl selbst sowie auf die Katastrophe der Monarchie. Endlich als dritter großer Lebensabschnitt die Nachkriegszeit: die Bemühung um Erhaltung des gemeinsamen Wirtschaftsgebietes, die Stellung gegenüber der Sozialisierungstendenz, die Linderung der Kohlennot und der Ausbau der Wasserkräfte, die Umstellung der Steyrwerke auf die Autofabrikation und die Überführung der Berg- und Hüttengesellschaft in das Gesamtkartell der tschechoslowakischen Eisenindustrie. Letzter Höhepunkt und Umbruchsstelle der Daseinskurve ist die Präsidentschaft der Österreichischen Bundesbahnen bis zum Herbst 1929. Hiermit schließt der der Öffentlichkeit gewidmete Abschnitt eines bedeutenden Daseins. Autorität, aber auch Wohlwollen und Gerechtigkeit kennzeichnen das Wirken Georg Günthers.
Heinrich Ritter von Srbik.