Aufsatz 
Alte Brücken und Mühlen in Tirol / von Otto Lanser
Entstehung
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Otto Lanser

brücken verfallen waren, bis ins Hochmittelalter hinein nicht mehr gegeben. Ein­zelneÜberfuhren heute als Drahtseil-Rollfähren ausgebildet bestehen noch, z. B. zwei nahe benachbarte über den Inn bei Unterperfuß und Martinsbühel, in dessen Nähe ja auch die Innbrücke der vom Brenner herabkommenden und zum Fernpaß weiterleitenden via Claudia Augusta vermutet wird. Auch der Ansitz Ferklehen, das Lehen des Fergen, bei Unterperfuß deutet auf ein hohes Alter dieser Übergangsstelle.

Über die zahllosen kleinen Bäche und Wasserläufe haben sicher seit Urzeiten schon immer Brücken und Stege geführt. Der vom Wind umgeworfene oder vom Wasser unterwaschene Baum, der zufällig quer über den Wasserlauf zu liegen kam, ist das Urbild dieser Holzbrücken. Sie bestanden und bestehen aus zwei von Ufer

zu Ufer gelegten Baum­stämmen und quer darüber liegenden Brettern oder Prü­geln, auf die wieder, um ein Aufkippen zu verhindern, seitlich Bäume zum Ab- schweren gelegt werden.

Die mit solchen ein­fachen Balkenbrücken er­reichbaren Spannweiten sind naturgemäß bescheiden. Un­ter den Konstruktionsfor­men, die. größere Weiten zu überwinden gestatten, sind in der primitiven Technik be­sonders die Auslegerbrücken wichtig, bei welchen die Stützweite des Balkenträgers durch vorkragende Wider­lager vermindert wird. In den Gebirgen Vorderasiens sind kühne Brücken dieser Bauart, die sich mit oft erstaunlich großen Spannweiten über Schluchten und Abgründe schwingen, nicht selten. Bekanntlich verwendet auch der moderne Brückenbau diesen Grundsatz in der Form des Gerberträgers gerade für besonders weitgespannte Bauwerke, wie z. B. für die Brücke über den Firth of Forth.

Dieses Kragträgerprinzip ist auch der volkstümlichen Technik Tirols vertraut. Abb. 1 zeigt z. B. eine Bauform, die im Paznauntal heimisch ist. An den größeren Flüssen gab es ferner und gibt es zum Teil noch hier und dort sogenannte Winter­brücken. 1 Der niedere Wasserstand gestattet im Winter die Anlage einfacher Stege, die bei Eintritt der Schneeschmelze wieder abgebrochen und zu neuerlicher Ver­wendung bereitgestellt werden. Auf diese Weise ist es wenigstens für einen Teil des Jahres möglich, abgelegene Einzelhöfe an einen größeren Verkehrsweg oder an eine Siedlung anzuschließen. Eine solche Winterbrücke wird z. B. gegenwärtig noch all­jährlich über den Inn in der Fraktion Lafairsch der Gemeinde Pfunds geschlagen (Abb. 2). Auch dieser Steg ist eine Auslegerbrücke von recht ansehnlicher Länge.

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Abb. 1. Brücke über die Trisanna im Paznauntal. Balken­träger auf vorkragenden Widerlagern (Auslegerprinzip).