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Otto Lanser
In unserer Betrachtung haben uns daher fast nur diese letzteren, die Hausmühlen, zu beschäftigen.
In der Formgebung des Mühlengebäudes aber auch der konstruktiven Einzelheiten weist nun fast jedes Tal kleinere oder größere Besonderheiten auf, die, wie natürlich, von der jeweils üblichen Wohnhausform stark beeinflußt sind. Vor allem fällt auf, daß die Häufigkeit und Zahl der Mühlen in den einzelnen Landesteilen sehr verschieden ist. Der Rückgang des Getreidebaues und die Umstellung auf die Vieh Wirtschaft, die etwa seit dem Ende des 18. Jahrhunderts und dann besonders mit dem Aufkommen der modernen Transportmittel eingesetzt haben, haben nicht überall das gleiche Ausmaß erreicht. Ferner ist die Lohnmüllerei, also die Abspaltung eines der eigenen Wirtschaft des Bauern ursprünglich eingegliederten Betriebszweiges zu einem selbständigen Gewerbe, keineswegs überall gleich entwickelt. Vielleicht kommen aber auch noch tiefer hegende Gründe, nämlich schon ursprüngliche Verschiedenheiten der Wirtschaftsstruktur hier zum Ausdruck, die ihrerseits wieder zuletzt in der volklichen und stammesmäßigen Herkunft der Bevölkerung ihre Ursache haben mögen.
Fast ganz ohne Bauernmühlen sind Außerfern und das Lechtal, in denen die vorerwähnte wirtschaftliche Umstellung zur Viehwirtschaft nahezu vollständig durchgeführt wurde. Auch im übrigen Westtirol, im Oberinntal und Stanzertal sind Mühlen ziemlich selten. Hier mag zum Teil auch der Wassermangel auf den sonnigen Terrassen mit schuld sein, auf denen viele uralte Siedlungen hegen; deshalb weist ja auch gerade dieses Gebiet die ausgedehntesten Bewässerungsanlagen auf. Hier im Gebiet des rhätoromanischen Steinbaues sind auch die Mühlen in Mauerwerk aufgeführt (Abb. 12). Wie die Häuser, so haben auch sie hier zwar etwas Malerisches und Romantisches, sie sind aber oft ziemlich verwahrlost und lassen häufig die Gediegenheit der konstruktiven Durchbildung vermissen.
Weit häufiger als im Haupttal treffen wir Mühlen in den großen, zentralalpinen Nebentälern Westtirols, also im Sellrain, Ötztal und Pitztal.'' Das Ötztal besitzt in den Mühlen bei den Rofnerhöfen (2010 m Seehöhe) die höchstgelegenen Tirols und damit Großdeutschlands (Abb. 13). Ziemlich reich an recht reizvollen Mühlen ist auch das Pitztal; sie weisen hier eine Eigentümlichkeit auf, nämlich zumeist zwei Mahlgänge mit einem oberschlächtigen und einem unterschlächtigen Wasserrad (Abb. 14). Nur mehr wenige stehen heute im Paznauntal, wenngleich auch
Abb. 13. Mühle bei den Rofnerhöfen, ötztal. Höchstgelegene Mühle Großdeutschlands in 2010 m Seehöhe.
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