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Otto Lanser
eigneten Hochflächen zwischen Eisack-, Sarn- und Etschtal stehen an den freilich spärlichen, oft nur bei Hochwettern wasserreichen Gießbächen romantische Mühlen.
Es ist aber, wie erwähnt, wohl kein Zufall, daß die erste Erwähnung einer Mühle auf tirolischem Boden aus der Brunecker Gegend stammt, denn der mühlenreichste Landesteil ist heute noch das Pustertal und Osttirol. Nirgendwo sonst im Lande sind wie hier fast alle Bäche von perlenschnurartig aneinandergereihten Mühlen gesäumt (Abb. 15). Jeder Hof, oder wenigstens jede solche Gruppe von Anwesen, die aus den Urhöfen der ersten Ansiedler hervorgegangen ist, besitzt ihre eigene Mühle. Als Beispiel sei die Gemeinde Innervillgraten bei Sillian angeführt, die bei rund 600 Einwohnern 38 Mühlen besitzt, zu denen noch 7 Sägemühlen,
1 Schmiede und 1 Walkmühle kommen. Dabei sind noch mehrere Mühlen nach dem
großen Hochwasser des Jahres 1882 nicht wieder auf- gebaut oder sonst in den letzten Jahrzehnten verfallen und abgebrochen worden. Ähnlich reich ist fast das ganze Pustertal, besonders auch das Tauferer Ahrntal, von dessen Nebentälern zwei geradezu ihren Namen davon haben: das Mühlbachtal und das Mühlwaldertal.
Fast jedes Tal besitzt kleine technische Eigenheiten der Mühlenkonstruktion. Im Tauferer Ahrntal gibt es z. B. merkwürdigerweise fast nur „mittelschläch- tige“ Mühlräder, das sind solche, die auf der Bergseite ungefähr in halber Höhe des Rades beaufschlagt werden (Abb. 16). Ihre Drehrichtung entspricht daher jener eines unterschlächtigen Rades (auf dem Bilde Drehrichtung im Uhrzeigersinne!), die Formgebung der Schaufeln ist aber die eines oberschlächtigen.
Die Mühlen Osttirols und des Pustertales zeichnen sich im allgemeinen auch durch eine gediegene, saubere Bauweise und durch eine hohe Stufe der technischen Durchbildung aus (Abb. 17), die in besonders geschickter Weise den jeweiligen Bedingungen angepaßt wird. An den wasserreichen, aber gefällsärmeren Hauptbächen werden, z. B. im Villgratental, unterschlächtige Wasserräder verwendet (Abb. 18), die zwar mehr Wasser, aber weniger Gefälle benötigen. Die Wasserentnahme geschieht mittels eines in Holzkastenkonstruktion erstellten, festen Wehres, eines sogenannten „Aufganges“. An den steileren Nebenbächen, an denen sich die erforderliche Höhe leicht gewinnen läßt, herrscht das oberschlächtige Wasserrad wie bei den in Abb. 19 gezeigten Mühlen, die übrigens zu den höchstgelegenen Osttirols zählen. Der Thalethof in Innervillgraten, zu dem sie gehören, ist heute nicht mehr ganzjährig bewirtschaftet,
Abb. 15. Mühlenreihe im Tauferer Ahrntal. Restlose Ausnützung des Gefälles eines Wasserlaufes.
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