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Otto Laxser
wicklungsgeschichtliche Zusammengehörigkeit und ihren gemeinsamen Ursprung kaum ein Zweifel bestehen kann. Auch wenn man zwischen unter- und oberschläch- tigen Rädern insofern unterscheiden will, als man in ersteren eine antike, in letzteren — wofür manche Gründe sprechen — eine deutsche Erfindung erblicken mag, so beweist doch die Anwendung beider in ein und derselben Gegend, ja an ein und demselben Objekt (vgl. Abb. 14), daß die Kenntnis dieser beiden Formen zugleich und auf demselben Wege in unser Land gekommen sein muß — abgesehen etwa von der bereits erwähnten, vereinzelten Ausnahme der Südtiroler Schöpfräder. Allen diesen Mühlen ist aber das schon von Vitruv beschriebene Zahnradgetriebe zwischen Radwelle und Mühlstein gemeinsam und sie gehen daher, wenn auch auf dem Umwege über Deutschland, auf diese römischen Mühlen zurück. Es gibt aber auch eine
Mühlenform, der dieses Getriebe fehlt, bei der der Läuferstein unmittelbar durch ein Wasser- oder auch Windrad mit lotrechter Achse getrieben w ird und die sich eben durch das Fehlen dieses Zahnradgetriebes als die urtümlichere und entwicklungsgeschichtlich ältere ausweist.
Gebetmühlen, die von einem turbinenähnlichen, horizontalen Wasserrädchen getrieben werden, w-erden in Tibet verwendet. 21 Der Liebenswürdigkeit des Asienreisenden, Dipl.-Kaufmann Max Reisch, verdanke ich die Mitteilung von höchst merkwürdigen, vertikalachsigen Windmühlen aus Afghanistan. Ein französischer Reisender des 18. Jahrhunderts, d’Ariveux, beschreibt uns solche Wassermühlen aus dem Libanon in seinem in deutscher Sprache 1754 erschienenen Werke: Merkwürdige Nachrichten von meinen Reisen: „Der Mühlstein und das Rad sitzen auf derselben Welle. Das Rad, wenn man es so nennen kann, besteht aus acht ausgehöhlten, löffelartigen Brettern, die überzwerch in der (senkrechten) Welle sitzen; wenn nun das Wasser mit Heftigkeit auf die Bretter fällt, dreht es dieselben herum und bringt durch das Umtreiben den Mühlstein in Gang, auf den das Korn aufgeschüttet wird.“ 22 Diese ausgezeichnete Beschreibung, die sich genau mit der Wirklichkeit deckt (vgl. Abb. 21), legt die Frage nahe, ob nicht das, was wir heute schlechtweg als „Rad“ bezeichnen, von zwei ganz getrennten Entwicklungsreihen her seinen Ursprung ableite, je nachdem, ob es sich um das „Wagenrad“ handelt, das über die Vollscheibe aus dem als Walze verwendeten Baumstamm entstanden sein mag oder um das „Wasserrad“, dessen Urform wir in diesem einfachen Speichenstern vor uns hätten, der durch das Fehlen jeglichen Radkranzes gekennzeichnet ist.
Abb. 17. Mühle bei Außervillgraten, Osttirol. Oberschläch- tiges Wasserrad, lange Schußrinne.