24
Otto Lanser
slawische, das von diesem Gebiete bis in die Gegend von Anras herauf Besitz ergriffen hatte. Erst die Schlacht am Toblacher Felde im Jahre 612 leitete die rückerobernde deutsche Kolonisation ein. Ähnlich aber wie in Westtirol rhätoromanische, so haben sich hier slavische Volks- und Sprachreste vereinzelt noch Jahrhunderte hindurch gehalten und man wird nicht nur in zahlreichen Ortsnamen, sondern auch in manchen Wirtschaftseigentümlichkeiten, z. B. des Defereggentales, Nachwirkungen dieses Volkstums erblicken dürfen.
Osttirol und Teile Kärntens sind ferner durch das Dynastengeschlecht der Grafen von Görz lange Zeit hindurch in staatsrechtlicher Gemeinschaft mit Friaul und Istrien gestanden und bis ins vorige Jahrhundert gehörte Osttirol kirchlich zum Patriarchat Aquileja, einem der Ursitze illyrischer Kultur. Daß schließlich Osttirol und Kärnten
in der napoleonischen Zeit zum Königreich lllyrien geschlagen wurden, gehört auch in die Geschichte dieser Beziehungen zum illyrischen Raum, die hier das Vorkommen von Kultureigentümlichkeiten erklärlich machen, die in jenem ihren Ursprung haben. Zu diesen Eigentümlichkeiten gehören auch die Stockmühlen, wie diese vertikalachsigen Mühlen hier genannt werden.
Die Stockmühlen werden im Isel- und östlichen Pustertal schon in Urkunden des 16. bis 18. Jahrhunderts öfter genannt. 1799 berichtet der Pfleger von Virgen: „Die Bauern wollen jetzt die Getreide verderbenden und Wasser verprassenden Stockmühlen in Radmühlen verwandeln, früher hat man nichts als Stockmühlen gekannt. . . .“ 25
In Osttirol gibt es jedoch heute nur mehr wenige; mir sind solche nur aus Kais und aus dem Defereggentale bekannt. Eine dieser letzteren zeigt Abb. 21. Die Hälfte der Mühle steht auf Pfählen, so daß unterhalb des Fußbodens sich ein freier Raum bildet, in dem das turbinenartige Wasserrad untergebracht ist. Die senkrechte Welle stützt sich mittels eines Spurlagers auf einen in vertikaler Richtung durch eine Schraubenspindel etwas heb- und senkbaren Träger, so daß sich die gegenseitige Entfernung der Mühlsteine und damit die Mahlfeinheit regeln läßt.
Außerordentlich viele Stockmühlen besitzt aber noch das benachbarte Kärnten. Durch das ganze Mölltal von Heiligenblut an bis hinunter gegen Millstatt stehen solche zu Dutzenden an fast allen Bächen. Die oberen Mölltaler Stockmühlen besitzen fast durchwegs zwei Mahlgänge, die durch eine schwenkbare Zuleitungsrinne abwechselnd in Gang zu setzen sind; dementsprechend steht auch das ganze Mühlen -
Abb. 19. Mühlen beim Thaleihof in Innervillgraten an der obersten Grenze des Getreidebaues in etwa 1650 m Höhe.