Aufsatz 
Siebzig Jahre Brennerbahn / von F. Kargl
Entstehung
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Siebzig Jahre Brennerbahn.

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Die letztgenannte Gesellschaft entsendete Vertreter nach Innsbruck, Bozen und Trient, um dort für ihre Pläne zu werben; dabei erklärte die Abordnung, daß die Gesellschaft der Regulierung der Flüsse des Landes, sowie der Verwendung von Tiroler Landeskindern beim Bau sowie bei der Wahl des späteren Betriebspersonals besonderes Augenmerk zu wenden werde. In Tirol wurde ein Landeskomitee unter Führung eines Grafen Enzenberg, des Landesgerichtsrates von Klebelsberg, des Handelskammerpräsidenten Dr. von Widmann und des damaligen Innsbrucker Bürgermeisters Dr. Anton Cleemann gebildet, das die Bestrebungen des Wiener Komitees lebhaft unterstützte.

Als im Jahre 1857 in Piemont der Gesetzentwurf für eine Bahn durch den Mont Cenis mit einem über 12.200 m langen Alpentunnel genehmigt und der Bau in Angriff genommen worden war, bekamen die Bestrebungen der Brennerbahn­freunde neue Nahrung, sowie weiterhin, als der Bau des Suezkanals in Angriff ge­nommen wurde, von dem man sich eine besondere Verkehrsbelebung versprach.

Die Forderungen der Öffentlichkeit nach Verwirklichung der Tiroler Eisenbahn- wünsche verstummten nun nicht mehr und das Land verfolgte seine Eisenbahnpläne mit größter Unverdrossenheit und Zähigkeit.

Als im August 1860 die feierliche Eröffnung der letzten Teilstrecke der Elisabeth- Westbahn : FrankenmarktSalzburg einschließlich der bayrischen Strecke bis München stattfand, warf die Tiroler Presse der Südbahngesellschaft unter heftigen Ausfällen vor, daß sie den Bau der Brennerbahn absichtlich verzögere und ver­schleppe. Die Zeitungen wiesen darauf hin, daß der Reisende 15 Stunden mühsamer Qual im alten, rüttelnden Eilwagen und auf vernachlässigten Landstraßen über­winden müsse, um von Innsbruck nach Bozen zu kommen, genau so lange, als die Fahrt von Wien nach Innsbruck erfordere, während die Fahrt im gewöhnlichen Wagenverkehr noch wesentlich länger dauere, vom Warenverkehr gar nicht zu sprechen.

Die österreichische Regierung hatte sich im Jahre 1851 in einem mit Bayern abgeschlossenen Staatsvertrag zur Herstellung verschiedener Bahnlinien und Bahn­anschlüsse verpflichtet; so der Strecke InnsbruckKufsteinReichsgrenze bei Kiefersfelden, der Linie VeronaBozen, sowie auch der Strecke InnsbruckBozen, der eigentlichen Brennerbahn. Dieser Staatsvertrag wurde im Jahre 1856 erneuert, im neuen Vertragstext aber die Brenner bahn nicht mehr aufgenommen; sie war somit auf unbestimmte Zeit vertagt, obwohl selbst die Zentral-Befestigungskommis- sion in Wien ihre Erstellung im Interesse der Landesverteidigung als dringend not­wendig bezeichnet hatte.

Mit den beiden Talstrecken bekam Tirol seine ersten Eisenbahnen. Die Linie InnsbruckKufsteinReichsgrenze wurde im Jahre 1855 begonnen und am 24. November 1858 als ,,k. k. Nordtiroler Bahn eröffnet. Der Entwurf war unter der Oberleitung des damaligen Zentraldirektors für Staatseisenbahnbauten K. von Ghega, des Erbauers der Semmeringbahn, verfaßt und unter ihm auch der Bau durchgeführt worden.

Die Linie VeronaBozen war schon im Jahre 1854 begonnen worden; die letzte Teilstrecke Trient-Bozen dieser ,,k. k. Südtiroler Bahn genannten Strecke wurde am 16. Mai 1859 eröffnet. Die Leitung der Entwurfsarbeiten oblag dem damaligen