Siebzig Jahre Brennerbahn.
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schaftlichen Linien im Jahre 1859 vorerst noch vom Staat auf Rechnung des Unternehmens geführt, da dessen leitende Persönlichkeiten durchwegs Ausländer waren; erst im Jahre 1860 wurde die Betriebführung der Gesellschaft überlassen.
Die im Jahre 1856 von ungarischen Magnaten zum Ausbau des südungarischen Bahnnetzes gegründete „Kaiser Franz Josef Orientbahn- Gesellschaft“ hatte im Jahre 1857 den Württemberger Karl von Etzel an die Spitze ihrer Baudirektion berufen, dem der Ruf eines hervorragenden Eisenbahningenieurs vorausging. Er war bei großen Bauten in Frankreich und in der Schweiz tätig gewesen und genoß auch durch seine fachwissenschaftlichen Arbeiten hohes Ansehen.
Im Dienste der Gesellschaft sowie später in jenem der Südbahn fand Etzel ein reiches Feld der Betätigung vor. Es waren die im ehemaligen Kriegsgebiete gelegenen, vernachlässigten oder beschädigten Bahnstrecken wieder instand zu setzen, dann 1500 km neue Bahnen zu erbauen, meistens in Südungarn, in Kroatien und in Kärnten (Klagenfurt—Villach). Die größte und schwierigste Aufgabe Etzels, der Bau der Brenner bahn, sollte die Krönung seines Lebens Werkes bedeuten und sein Meisterstück werden. Ein unerbittliches Schicksal aber hat es ihm verwehrt, die Vollendung dieses Werkes zu erleben, das er glänzend eingeleitet und vorbereitet-hatte.
Vom Bau verschiedener großer Alpenstraßen und Eisenbahnen waren in Österreich vortrefflich ausgebildete Bauingenieure zur Verfügung, jedoch nicht in genügender Zahl, und die an vielen Stellen gleichzeitig in Angriff genommenen Bauten machten die Heranziehung ausländischer Ingenieure notwendig. Der Schwabe Etzel zog vielfach engere Landsleute an seine Seite und es sind seit dem Bau der Brennerbahn durch Jahrzehnte hindurch in Österreich viele schwäbische Ingenieure, namentlich im Eisenbahnbau, tätig gewesen.
Entwurfserstellung:
Unter der tatkräftigen und umsichtigen Oberleitung Etzels wurde im Jahre 1861 mit den Studien und Entwurfsarbeiten begonnen. Neben allgemeinen Vorerhebungen, Kartenstudien und Höhenmessungen wurde ein vollständiges und ausgeglichenes Nivellement entlang der Reichsstraße ausgeführt. Sodann wurden mit Hilfe von Vermessungslinien (Polygonzügen) die Geländeaufnahmen vorgenommen und Schichtenpläne gezeichnet, in denen die Bahntrasse ausgemittelt wurde. Diese Trasse wurde schließlich in die Natur übertragen, d. h. abgesteckt, verpflockt und an das Nivellement angeschlossen.
Auf die abgesteckte Bahnachse wurden Querprofile aufgenommen, in langer Erstreckung und in dichter Aufeinanderfolge; bei späteren Linien Verlegungen wurden Achsenverschiebungspläne in großem Maßstabe verwendet, die ursprünglichen Querprofile aber nach Möglichkeit beibehalten. Diese umfangreichen Vorarbeiten bildeten die Grundlagen für den mit großer Sorgfalt erstellten Bauentwurf und die Bau Vergebung sowie für die Baudurchführung.
An der Spitze der Baudirektion in Wien stand Etzel ; an seiner Seite arbeiteten als Vorstand der Abteilung für Unterbau Oberinspektor Wilhelm Pressel, der auch Stellvertreter des Baudirektors war; ferner als Vorstand der Abteilung für Hochbau Chefarchitekt Wilhelm Flattich und als Leiter der Abteilung für Oberbau und mechanische Ausrüstung Oberinspektor Rudole Paulus.