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F. Kargl
Der Vortrieb des Tunnels ging nur langsam vonstatten, denn mit zunehmender Länge der Stollenauffahrung wurde der Tonschiefer dichter und zäher, auch immer mehr von außergewöhnlich harten Quarzitadern durchzogen, die das Bohren und Schießen erschwerten; zudem sammelten sich in den fallenden Strecken die unterirdischen Wässer an den Vorortstellen, wodurch die Arbeiten weiter erschwert und verzögert wurden. Der Tagesfortschritt ging infolgedessen sehr zurück und die Leistungen waren recht unbefriedigend. Der Vortrieb war von den beiden Mündungen her begonnen worden; um weitere Angriffsstellen zu gewinnen, waren noch zwei Seitenstollen angefahren worden, die vor Erreichung der Tunnelröhre abermals verzweigt wurden, so daß schließlich an zwölf Vorortstellen gearbeitet werden konnte und sich sechs Stollendurchschlagsstellen ergaben.
Die beiden Seitenstollen waren in 35 bzw. 66 m Höhe über der Nivelette angeordnet, um eine bessere Lüftung zu erzielen; sie waren zwei- bis dreimal verzweigt und waren zusammen 195 m lang, die Schächte hatten eine Gesamthöhe von 101 m. Trotzdem mehrere Ventilatoren selbst mit maschinellem Antrieb verwendet wurden, war die Lüftung in den vielen engen Arbeitsstellen recht ungenügend, wozu die starke Belegschaft sowie die häufigen Sprengungen mit beitrugen. Als Sprengmittel wurde anstatt des in dem harten Gestein wenig wirksamen Schwarzpulvers das in Cilli erzeugte Haloxylin verwendet.
Da die Tagesleistungen trotz aller Anstrengungen und Aufwendungen hinter den Erwartungen immer weiter zurückblieben, erklärte sich die Bauunternehmung außerstande, den Tunnelbau um die vertragsmäßigen Preise fortzusetzen und die Südbahn mußte, um den Tunnel bis zum Eröffnungstermin der Bahn fertigzu- bringen, die Arbeiten in Eigenregie weiterführen. Der Tunnel wurde dann in der Tat erst kurz vor der Betriebsaufnahme vollendet, trotzdem dabei ständig 600 Mann in Verwendung standen.
Der Bahnhof Gossensaß wurde knapp vor der Mündung des Pflerscher Baches in den Eisack in einer freundlichen Weitung des Tales angelegt; aus der alten Berg- werkstadt ist eine besuchte Sommerfrische geworden. Ab Gossensaß durchfließt der Eisack eine von bewaldeten Steilhängen eingeschlossene Enge, durch die Straße und Fluß in vielen Windungen ziehen; der für die zweigleisige Bahn nötige Baum konnte daselbst dem Gelände nur unter Aufbietung aller technischen Hilfsmittel abgerungen werden. Für die Linienführung kam nur die östliche Talseite in Frage, wo dem Steilhange stellenweise Mitteigebirgsterrassen vorgelagert sind. Der phyl- litische Schiefer war sehr gebräch, so daß zahlreiche Wand- und Stützmauern unvermeidlich waren; Straße und Fluß mußten an mehreren Stellen verlegt und in längeren Abschnitten schwere Uf erbau ten errichtet werden, um die Bahn gegen Hochwässer zu schützen.
Unter einem Vorsprung des Lamsenkopfes wurde im quarzreichen harten Felsen ein 74 m langer und 9,5 m weiter Bachtunnel ausgesprengt, durch den nun seit 70 Jahren der Eisack hindurch braust; im aufgelassenen Bachbette ist der Bahndamm auf geschüttet worden.
Am Ausgang der Enge weitet sich das Eisacktal zu einer ausgedehnten Fläche, in die das Mareittal sowie das Pfitschertal einmünden. Am Zusammenflüsse der drei Gewässer hegt Sterzing, das römische Vipitenum, einst die höchstgelegene Stadt *