Aufsatz 
Siebzig Jahre Brennerbahn / von F. Kargl
Entstehung
Seite
59
Einzelbild herunterladen

Siebzig Jahre Brennerbahn.

59

nur unter Einsatz allen Könnens und aller technischen Mittel, um die Bahn daselbst in einem, menschlicher Voraussicht entsprechenden Sicherheitsgrade zu erstellen.

Dieser Bahnabschnitt gehört sicher zu den schwierigsten Uferstrecken der ehe­maligen österreichischen Eisenbahnen, die an schweren Flußstrecken nicht gerade arm waren.

Die letzte starre Felsmauer, die die Talenge gegen Süden abzuschließen scheint, wird mit dem 389 m langen Hochklausner (Blumauer) Tunnel durchörtert, an seinem Ausgang liegt vor den überraschten Blicken der Reisenden ein weiter blühender Garten, in dem das schöne Bozen eingebettet ist.

Bevor die Brennerbahn in ihren Endbahnhof gelangen konnte, mußte sie bei Karneid nochmals den Eisack übersetzen; eine günstige Stelle gestattete, den Fluß beinahe senkrecht auf einer Eisenbrücke von 34,8 m Weite zu kreuzen.

Bozen, eine uralte Siedlung, w T ar in früher Zeit ein Haupthandels- und Umschlagplatz, in dem die großen süddeutschen Handelshäuser ihre Nieder­lassungen und Lagerhäuser hatten, seine Messen waren gut besucht. Mit der Brennerbahn ist die Stadt der Mittelpunkt eines regen Fremdenverkehres ge­worden und genießt Weltruf; namentlich üben die herrlichen Dolomitenstraßen große Anziehungskraft auf die Fremden aus.

Die Baudurchführung.

Die Brennerbahn ist die zweite große Gebirgsbahn Österreichs; sie zeigt zwar nicht den großen Aufwand an kühnen und stolzen Kunstbauten wie Österreichs erste Gebirgsbahn am Semmering, ist ihr aber zweifellos ebenbürtig und gleichwertig.

Wenn der Künstler Gheca in der reichgeghederten Landschaft am Ostrande der Alpen seine hochragenden und vielbewunderten Kunstbauten errichten konnte, so hatte der Ingenieur Etzel in die ernste und schwere Hochgebirgswelt Tirols wuchtige Erdbauten hineingestellt, in die sie vortrefflich hineinpassen.

Der Scheitelpunkt der Semmeringbahn liegt in 895 m Seehöhe, jener der Brenner­bahn in 1367 m Seehöhe, ist demnach um fast 500 m höher.

Die Trasse ist am Brenner gleichwie am Semmering dem Gebirgsgelände mit größter Kunst und Meisterschaft angepaßt und angeschmiegt; die Schwierigkeiten des Gebirges aber sind mit den einfachsten Mitteln überwunden und die Baukosten auf das geringste Maß herabgedrückt worden.

Professor von Rzttta , eine Autorität auf dem Gebiete des Eisenbahnbaues, nennt die Semmeringbahn eine brillante, die Brenner bahn eine durch ihre Ruhe imponierende Alpenbahn und hebt hervor, daß beide Linien in der Geschichte des Eisenbahnbaues eine überragende Stellung einnehmen.

An der Brennerbahn ist das Gelände im allgemeinen so steil, daß regelrechte Dämme und Einschnitte, d. s. solche mit beiderseitigen Böschungen, wegen der großen Planumsbreite der zweigleisigen Bahn 8,85 m verhältnismäßig selten ausgeführt werden konnten; der Bahnkörper besteht in seiner überwiegenden Länge bergseits aus Lehnenanschnitten, talseits aus Dämmen oder Mauern.

Etzel hat das Schwergewicht auf die Erd- und Felsarbeiten gelegt, die fast keine Instandhaltung erfordern; sie erreichten auch ganz gewaltige Ausmaße und Mengen; die gewonnenen Einschnittsmassen sind in glänzender Weise in die Damm-