Aufsatz 
Siebzig Jahre Brennerbahn / von F. Kargl
Entstehung
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F. Kargl

Zunächst ergaben sich große Verzögerungen bei der Einlösung der für die Bahn erforderlichen Grundstücke und Rechte, denn das Verfahren war recht umständlich und zeitraubend. Die Südbahn klagte ihrerseits über die hohen Forderungen der Parteien, sie war auch dafür verantwortlich, daß jede nicht absolut notwendige Aus­gabe vermieden werde, zumal die Staatsverwaltung die Zinsengarantie für die Ge- samtkosten der Brennerbahn übernommen hatte. Die Parteien wieder klagten über das geringe Entgegenkommen der Bahn, so daß die Statthalterei Innsbruck sowie die zuständigen Bezirksämter in außerordentlich vielen Fällen vermittelnd und ent­scheidend eingreifen mußten.

Der ganz unter französischem Einflüsse stehenden Südbahngesellschaft wurde auch eine absichtliche Verschleppung der Arbeiten zum Vorwurf gemacht, was bei den damaligen politischen Verhältnissen begreiflich ist. Die Finanz weit verhielt sich sehr zurückhaltend, so daß die Aufbringung der für den Bahnbau erforderlichen Mittel mit Mühe und nur mit allen möglichen finanziellen Kunst­griffen gelang.

Im Jahre 1864 hatte der deutsch-dänische Krieg, im Jahre 1865 die kriegerischen Vorbereitungen Österreichs am Balkan den Geldmarkt in Verwirrung gebracht, und als Österreich im Jahre 1866 im Norden und im Süden zu den Waffen greifen mußte, wurde die Sicherstellung der für den Bahnbau erforderlichen Mittel ganz besonders schwierig. Der Bau kam in diesem Jahre zum vollen Stillstände, als bei Kriegs­ausbruch mit Italien die Bevölkerung Tirols darauf drängte, daß die italienischen Arbeiter vom Bau entfernt werden; es mußten damals 14.000 Arbeiter die Baustellen verlassen, wodurch die beste Bauzeit dieses Jahres verlorenging.

Erst im Frühjahr 1867 wurden die Verhältnisse besser und die Südbahngesell­schaft drängte selbst auf eine möglichst rasche Vollendung des Baues, denn die bis dahin zu Lasten des Baukapitals aufgelaufenen Interkalarzinsen hatten eine be­denkliche Höhe erreicht und betrugen Ende 1867 schon 3,911.000 fl. = 16% der reinen Baukosten.

Am 25. Juli 1867 konnte zum ersten Male ein Dampfzug über die ganze Strecke rollen, worauf der öffentliche Verkehr am 24. August 1867 aufgenommen wurde. Von einer feierlichen Eröffnung mußte abgesehen werden, da das Kaiserhaus durch die Erschießung des Kaisers Max von Mexiko in tiefe Trauer versetzt war und alle öffentlichen Feierlichkeiten abgesagt wurden. Die Aufnahme des Verkehres erfolgte in aller Stille; die Südbahngesellschaft widmete aber den Armen des von der Bahn durchzogenen Gebietes den Betrag von 6000 fl.

Die Staatsverwaltung hatte während der ganzen Bauzeit nie auf die Beschleuni­gung der Arbeiten gedrängt, obwohl die gespannte politische Lage längst eine kriegerische Auseinandersetzung mit Italien hatte voraussehen lassen und Österreich gezwungen war, starke Truppenabteilungen im Süden bereitzuhalten. Es wäre gar nicht schwer gewesen, bis zum Jahre 1866, dem konzessionsmäßigen Vollendungs­termin, wenigstens ein Gleis betriebsbereit zu stellen, was für die militärischen Unternehmungen im Süden gewiß von größtem Vorteil gewesen wäre. Eine wirk­same Einflußnahme des Staates hätte allerdings eine finanzielle Beihilfe der Bahn- gesellschaft vorausgesetzt, die bei der ungünstigen Finanzlage des Staates vermut­lich unmöglich w r ar.