Aufsatz 
Siebzig Jahre Brennerbahn / von F. Kargl
Entstehung
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F. Kargl

verkehr ins Leben gerufen und im Laufe der Jahre eine gewaltige Verkehrssteigerung erfahren.

Unmittelbar nach der Verkehrsaufnahme war zwar ein Rückschlag ein- getreten, denn der Straßenverkehr hatte mit einem Schlage aufgehört. In den Jahren, in denen die Straße die alleinige Verbindung zwischen den Endbahnhöfen der beiden Tiroler Bahnen gebildet hatte, war der Straßenverkehr besonders lebhaft gewesen, nun aber sahen sich weite Kreise der Bevölkerung in ihrer Existenz be­droht, denn die Bahn hatte eine völlige Umwälzung im Erwerbsleben gebracht. Sie hat aber anderseits wieder neue Arbeits- und Erwerbsmöglichkeiten geschaffen und dem Gebiete zu neuem Leben, zu neuem Aufschwung verholfen.

Im Anfang wurden nur zwei Personenzüge im Tag gefahren; die Fahrzeit von Innsbruck bis Bozen betrug 5 Stunden 53 Minuten; Güterzüge wurden nach Be­darf nur einige Male in der Woche eingeleitet. Allein der neue Verkehrsweg dehnte seine Anziehungskraft bald auf ein räumlich weitgedehntes Gebiet aus, und es wurden noch im Jahre 1867 rund 500.000 Zentner Getreide von Ofen-Pest über die Brenner­bahn nach Mannheim und Straßburg mit besonders eingeleiteten Zügen verfrachtet.

Die Eröffnung des Suezkanales im November 1869 hatte zwar die Erwartungen auf eine Verkehrssteigerung nicht erfüllt, denn die Eisenbahn konnte gegen die Seeschiffahrt nicht aufkommen und die erhoffte Ablenkung des Welthandels zu­gunsten der Mittelmeerhäfen nicht herbeiführen. Dagegen wurde die Brennerbahn mit der Inbetriebsetzung der Pustertallinie (1871) und später auch der Arlbergbahn (1884) in den Ost-West-Verkehr eingeschaltet, wobei sie einen ganz außergewöhn­lichen Verkehrszuwachs erfuhr. Da die Südbahngesellschaft auch die südungarischen Linien in ihrem Besitz hatte, beherrschte sie den Verkehrsweg vom tiefen Ungarn bis nach Innsbruck und Kufstein und lenkte die großen Getreidesendungen, die bis dahin aus Südungarn und Rumänien mit Schiff über Marseille gegangen waren, nunmehr durch Kärnten und Tirol ab.

Die Güterzüge wurden in der Bergstrecke mit Hilfe von Schiebelokomotiven befördert und ihre Belastung auf 175 t beschränkt; ihre Geschwindigkeit betrug in der Bergfahrt 12,3 km/h, in der Talfahrt 15,3 km/h, doch wurden Geschwindig­keit und Belastung mit der Zeit gesteigert.

Der Personenverkehr gewann gleichfalls rasch an Bedeutung, denn die Bahn erschloß ein herrliches Alpenland mit einer Fülle von landschaftlichen Schönheiten, die bald in aller Welt bekannt wurden. Der Reiseverkehr wuchs zu bestimmten Zeiten zum Massenverkehr an, zu dessen Bewältigung Fern- und Durchgangszüge eingeführt werden mußten; diese Züge müssen in den Hauptreisezeiten verstärkt und in mehreren Teilen gefahren werden, um den Andrang bewältigen zu können. Im Sommer verkehren derzeit täglich fünf D-Zug-Paare mit durchlaufenden Wagen BerlinMünchenFlorenzRom. Die Belastung der Schnellzüge war in der ersten Zeit mit 70 t, jene der Personenzüge mit 110 t begrenzt, die Geschwindigkeit betrug in der Bergfahrt 22 bzw. 11 km/h; sie wurden mit der Einführung leistungsfähiger Maschinen gesteigert.

Im Weltkrieg hatte die Brenner bahn gewaltige Verkehrsleistungen zu be­wältigen, besonders als die Scheitelstrecke der Pustertalbahn bald nach dem Eintritt Italiens in den Krieg in den Feuerbereich weittragender italienischer Geschütze ge-