Siebzig Jahre Brennerbahn.
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riet, so daß dort ein Zugsverkehr bei Tag nicht möglich war. Die Brennerbahn mußte damals den gesamten Verkehr für alle im Süden kämpfenden Truppen bewältigen. Dabei waren, von behelfsmäßigen rein militärischen Bauten abgesehen, keine nennenswerten Ausgestaltungen notwendig, ein Beweis für die große Leistungsfähigkeit der Bahn und für den Weitblick und die Voraussicht ihrer Erbauer.
Nicht minder gewaltige Leistungen hatte die Linie bei der Abwicklung des Reparationsverkehres in den ersten Nachkriegsjahren zu bewältigen; es wurden in dieser Zeit schwerbelastete Züge in dichter Folge über den Brenner gefahren, das rollende Material wurde dabei aufs äußerste ausgenutzt und das Personal hatte Unglaubliches zu leisten.
Der unglückliche Ausgang des Krieges hat den sonnigen Süden von der Heimat losgerissen; die Brennerbahn wurde entzweigeschnitten, so daß ihre einheitliche Betriebsführung fernerhin unmöglich war. Wohl hatte sich Italien erbötig gemacht, den Betrieb bis Innsbruck zu übernehmen und dessen Hauptbahnhof in größtem Umfang auszugestalten; doch hatte die österreichische Regierung dieses Anbot abgelehnt, so daß die beiderseitigen Bahn Verwaltungen den Betrieb jeweilig nur bis in den Grenzbahnhof Brennero zu führen haben.
Beim Friedensschlüsse von St. Germain ist das Liniennetz der ehemaligen Südbahngesellschaft auf die Nachfolgestaaten aufgeteilt worden. Die Österreich zugefallenen Südbahnlinien wurden dabei stark gekürzt und es wäre ihre selbständige Betriebsführung weiterhin nicht wirtschaftlich gewesen; diese wurde daher ab 1. Januar 1924 den österreichischen Bundesbahnen übertragen, wobei Vereinfachungen in der Geschäftsführung und auch Ersparungen erzielt wurden. So konnten kommerzielle Vertretungen und Betriebsinspektorate auf gelassen und die gegenseitige Abrechnung zwischen Bundesbahn und Südbahn eingestellt werden; der Wagenpark konnte zusammengelegt und freizügig verwendet werden. Ab 1. Januar 1925 wurden die ehemaligen Südbahnlinien auch in die Tarife der österreichischen Bundesbahnen eingegliedert; sie bilden nunmehr mit diesen seit dem Anschlüsse Österreichs einen Teil der deutschen Reichsbahnen.
Die Elektrifizierung.
In der Kriegszeit und während des Reparationsverkehres war die Brennerbahn zeitweise fast bis an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit in Anspruch genommen worden; es war in diesen Zeiten das Fehlen einer zweiten Nord-Süd-Verbindung schwer empfunden und noch im letzten Kriegsjahre mit dem Bau der Linie Landeck-— Pfunds im Oberinntal begonnen worden. Die unter militärischer Aufsicht eingeleiteten Arbeiten wurden indessen nach dem Zusammenbruch eingestellt und die Bauten dem Verfall überlassen.
Nach Überwindung der wirtschaftspolitischen Schwierigkeiten und nach Beseitigung aller künstlichen Hemmungen und Behinderungen des Warenaustausches gewann die Brennerbahn in der Nachkriegszeit einen ansehnlichen Verkehrszuwachs, so daß ihre Entlastung oder die Erhöhung ihrer Leistungsfähigkeit in absehbarer Zeit notwendig geworden wäre.
Die Eingliederung der Südbahnlinien in den Bundesbahnbetrieb hat die Elektrifizierung der Strecke Kufstein—Innsbruck—Brenner möglich gemacht, als im
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