Siebzig Jahre Brennerbahn.
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Auf der Brennerbahn wurde der elektrische Betrieb am 6. Oktober 1928 auf- genommen.
Die Erstellung der Streckenausrüstung ging vergleichsweise rasch vonstatten, da auf der zweigleisigen Bahn jeweilig ein Gleis zwischen zwei Bahnhöfen gesperrt und für die Arbeiten freigestellt werden konnte. Schwierigkeiten ergaben sich in einigen Tunnels, wo das Lichtraumprofil für die Anbringung der Fahrleitung nicht immer ausreichend war. Es mußten an solchen Stellen die Tunnelgewölbe abgemeißelt und in einigen Tunnels auch noch die Gleise bis zu 25 cm auf zusammen 1100m Länge gesenkt werden. In allen Tunnels mußte die Fahrleitung gegen Tropfwasser und Eisbildung geschützt werden.
Die Elektrifizierung der ehemaligen Südbahnstrecken machte den Umbau und die Ausgestaltung des Bahnhofes Innsbruck notwendig, denn die seit Jahren geplant gewesene Errichtung von Mittelbahnsteigen erforderte die Auflassung einzelner Gleise und damit die Umänderung fast der gesamten Gleis- und Weichenanlagen. Diese Arbeiten konnten zweckmäßig und wirtschaftlich nur vor der Überspannung der Gleise mit der Fahrleitung vorgenommen werden.
Solange die Züge mit Dampf gefahren wurden, konnte ihr Übergang am Brenner leicht stattfinden; beim elektrischen Betrieb war dies nicht mehr ohneweiteres möglich, da dieser von den beiden Bahnverwaltungen mit verschiedenen Stromsystemen geführt wird; in Österreich mit Einphasen-Wechselstrom von 16 2 / 3 Per. in der Sekunde und 15.000 Volt Fahrdrahtspannung, in Italien mit Drehstrom von 16 2 / 3 Per. in der Sekunde und 3600 Volt Spannung. Es war daher notwendig, für die Zugsüberstellung in besonderer Weise vorzusorgen.
Zu diesem Zwecke wurde etwa 1,3 km vor der Bundesgrenze die Verkehrsstelle Brennersee errichtet und die Züge wurden zwischen den Bahnhöfen „Brennersee“ und „Brennero“ mit Dampf überstellt. Seit vollendetem Umbau des Letztgenannten können die österreichischen Wechselstrommaschinen in einzelne seiner Gleise ein- fahren, so daß die zeitraubende und teure Zugsüberstellung mit Dampf aufgelassen werden konnte. Die Paßkontrolle und Zollabfertigung wurden in den Grenzbahnhof zurückverlegt und die Verkehrsstelle in die Personenhaltestelle „Brennersee“ umgewandelt.
Die Anwendung der Elektrizität zum Antrieb von Lokomotiven hatte eine völlige Umwälzung im Betriebsdienst namentlich auf der Bergstrecke zur Folge, denn die größere Zugkraft der Elektromaschine läßt schwerere Züge als beim früheren Dampfbetrieb und mit erheblich größerer Geschwindigkeit über die Steilrampen führen, wodurch die Leistungsfähigkeit der Bahn wesentlich vergrößert wird. Im Personenverkehr ist das Reisen beschleunigt, auf der tunnelreichen Strecke aber auch viel angenehmer geworden, da Rauch und Ruß wegfallen, so daß die Schönheit der Landschaft nun ungestört genossen werden kann. Die Verkürzung der Fahrzeiten wird im Fernverkehr dann besonders bedeutend werden, wenn durch die fortschreitende Elektrifizierung von anschließenden Bahnen die Länge der elektrisch betriebenen Strecken weiter zunimmt. In absehbarer Zeit wird die ganze Strecke von Berlin bis Rom und Reggio di Calabria auf rund 1700 km ausschließlich elektrisch befahren und die Reisedauer weiter abgekürzt werden können.