Aufsatz 
Siebzig Jahre Brennerbahn / von F. Kargl
Entstehung
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F. Kargl

und die Straße wegrissen; dabei fanden 39, meist im Schlafe überraschte Menschen den Tod.

Der Gonderbach hatte dabei an seiner Mündung gewaltige Murmassen, schätzungsweise an 500.000 m 3 , über die ganze Breite des Eisackflusses geworfen und ihn zu einem See angestaut, aus dessen Fluten nur die Wipfel hoher Laubbäume herausragten. Auch dieser Staudamm brach plötzlich durch und der Eisack wühlte sich in kürzester Frist ein neues Bett aus. Der aus schwerem steinigen Material bestehende zweigleisige Bahndamm war in kurzer Zeit auf 500 m Länge vollständig weggerissen.

Die Wiederinstandsetzung der Bahn wurde ohne Verzug und mit größter Tat­kraft eingeleitet. Zunächst mußte ein langes Provisorium aus schwerem Gerüsten und Hilfsbrücken, darunter zwei Brücken über den Eisack, errichtet werden, um die eheste Wiederaufnahme des Verkehrs auf provisorischem Unterbau zu ermöglichen. Die Herstellung des neuen endgültigen Bahnkörpers dauerte trotz angestrengter Tätigkeit mehrere Jahre und erforderte hohe Kosten, denn allein bei der Durch­grabung der Murablagerung waren etwa 100.000 m 3 schweres steiniges Material zu beseitigen.

So bildet die Instandhaltung der Bahn einen harten Kampf mit den Natur­gewalten, um das große und stolze Werk dauernd in voller Leistungsfähigkeit zu erhalten, was besonders in kritischen Zeiten außerordentliche Anforderungen an das gesamte beteiligte Personal stellt.

Ausklang und Ausblick.

Mit der Semmeringbahn war seinerzeit der Bau von Gebirgsbahnen in glück­licher Weise eingeleitet und mit der Brennerbahn in ruhmvoller Weise fortgesetzt worden. In zähester Ausdauer und in unermüdlicher Arbeit waren alle Schwierig­keiten des Geländes und des Klimas überwunden und ein völkerverbindender Ver­kehrsweg geschaffen worden, der ein unvergängliches Ehrenmal für die Erbauer bildet und für den hohen Stand der damaligen Eisenbahntechnik zeugt.

Die Nachwelt ehrt den Meister

Karl von Etzel

und mit ihm alle seine Mitarbeiter, die das stolze Werk geschaffen haben mit ihrem geistigen Wissen und mit ihrer Hände Arbeit.

Seit 70 Jahren findet über den Brenner ein gewaltig gesteigerter Güter­austausch statt zum Wohle und zum Segen der beteiligten Völker und Länder. In jüngster Zeit eröffnet der Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich ganz neue Entwicklungsmöglichkeiten. Österreich ist nun ein Teil des Reiches und der Brenner die Eingangspforte in den großdeutschen Wirtschaftsraum. Die Brennerbahn ist ein Zweig der Deutschen Reichsbahn, deren Tarifhoheit nunmehr bis an die neue Reichsgrenze reicht, was die Anwendung von Durchrechnungstarifen gestattet, so daß die den Verkehr früher belastenden Transittarife entfallen.

Deutschland und Italien haben das größte Interesse daran, die günstige geo­graphische und verkehrspolitische Lage der Brennerbahn möglichst vollkommen