Winkelmessung.
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Aus der einfachen Holzscheibe, in der vermutlich vermittels Farbe oder Kerben die durch gezogene Schnüre dargestellten Winkelschenkel festgehalten wurden, entstand die „Einfache Wachsscheibe“, die uns durch G. Agricola überliefert ist. Ihre Heimat dürfte der Harz sein. Durch Plinsetzen einer Bussole in die Wachsscheibe entstand zuerst der „Wachsscheibenkompaß ohne Teilung“, dann die „Wachsscheibe mit Kompaß und Teilung“, die uns beide für die Mitte des 16. Jahrhunderts, durch das Neudorfer Original, durch Agricola und das Schwazer Bergbuch bezeugt sind. Der „Alpenkompaß“ Agricolas mit Teilung und seine um mehr als hundert Jahre später auftretende Nachfolgeform in Gestalt des teilungslosen „Wachsscheibenkompasses G. M. Yischers“ mit drehbarer Regel für Schnuraufhängung sind je zwei nur für Österreich nachgewiesene Kompasse mit einer außermittig angeordneten Bussole. Ob sich aus dem Alpenkompaß Agricolas der bei der Schinzeugvermessung zuerst gebräuchliche Einbussolenkompaß oder umgekehrt aus dem wegen der Erfindung des Schinzeugs mit einer außermittigen Bussole versehene Kompaß (Einbussolenkompaß) der „Alpenkompaß“ entwickelt hat, bleibt unentschieden. Wir kennen das älteste Schinzeug aus dem ersten Viertel des 16. Jahrhunderts, infolgedessen muß es zu dieser Zeit auch schon einen zum Einstecken geeigneten Kompaß mit außermittiger Bussole gegeben haben. Anderseits besagt die von Agricola überlieferte Abbildung und Beschreibung des „Alpenkompasses“ nichts über sein damaliges Alter. Der Einbussolenkompaß in Verbindung mit dem Schinzeug ist, wie noch später nachzuweisen sein wird, in der Zeit von etwa 1520 bis 1600, der Zweibussolenkompaß in der Zeit von 1600 bis 1680 in Gebrauch gewesen. Nach dieser Zeit verwenden die Schinzeuge eigene kleine Setzkompasse. Setzkompasse in rechteckigem Einschluß haben sich bis etwa 1850 erhalten, Handkompasse als Anhaltekompasse in quadratischem Einschluß sind als sog. „Geologenkompasse“ oder „Bergkompasse“ noch heute in Verwendung.
Schinzeuge.
Im folgenden kommen wir nun zur Besprechung der Schinzeuge. Es sind dies österreichische Markscheiderinstrumente des 16., 17. und 18. Jahrhunderts, die bisher, selbst dem Namen nach, bis auf zwei kürzlich erfolgte Veröffentlichungen, 1 im Schrifttum vollkommen unbekannt waren. Auf den wertvollen, einzigartigen Bestand an Schinzeugen der historischen Instrumentensammlung der Lehrkanzel für Markscheidekunde an der Montanistischen Hochschule zu Leoben wird noch später hinzu weisen sein.
Das Wort „Schinzeug“ ist teils ein Sammelbegriff, teils ein Einzelbegriff. Denn es werden sowohl die Schinzeug-Hauptgeräte, als auch die Nebengeräte als Schinzeug bezeichnet, ja, wie wir später sehen werden, selbst verschiedene Zubehörteile samt dem Haupt- und Nebengerät darunter verstanden. Im allgemeinen gilt jedoch nur das Hauptgerät als „Schinzeug“. Unter dem Hauptgerät eines Schinzeugs oder kurz „Schinzeug“ genannt, ist somit ein Markscheiderinstrument
1 F. Kirnbauer, Die Anfänge des Markscheidewesens in Österreich. Mitt. d. Öst. Ing. u. Arch.-Ver. Nr. 2, S. 5, Wien 1936, und F. Kirnbauer, Die „Schinzeuge“ — österreichische Markscheiderinstrumente des 16., 17. und 18. Jahrhunderts. Zeitschr. f. d. Berg-, Hütten- u. Salinenw. im Deutschen Reich, 85. Bd., S. 329—334, Berlin, 1937.