Winkelmessung.
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Im allgemeinen blieb die Form der Doppelringaufhängung oder Kardanaufhängung der Hängekompasse bis zum letzten Viertel des 18. Jahrhunderts unverändert. Es wurden bloß die Aufhängehaken durchbrochen, um für Messungen bei steilen Schnüren durch Dazwischenstecken eines Kupferdrahthäkchens ein Abgleiten des Kompasses von der Schnur zu verhindern, oder es wurden die gleichständigen Aufhängehaken durch gegenständige ersetzt. Wir kennen aber auch Hängekompasse aus späterer Zeit, die wiederum gleichständige, statt gegenständige Aufhängehaken zeigen, also in ihrer Bauart gewissermaßen einen Rückschritt auf- weisen. Im Jahre 1780 gab der Freiberger Mechaniker Schubert dem Hängekompaß eine neue Form (Entwicklungsreihe II, unten Mitte). Er ließ die obere Hälfte des Hängeringes weg und brachte dafür die Aufhängehaken an weit ausladenden, langen Armen an der unteren Hälfte des Hängeringes an. Den Innenring, „Kompaßring“ genannt, hat der ScHUBERTsche Hängekompaß gleichgerichtet zur Hakenachse, wie uns dies erstmalig von einem bereits erwähnten, aus der Zeit um 1730 bis 1750 stammenden Leobener Hängekompasse bekannt ist (Bild 41). Schubert führte auch eine mittige Klemme zur Festhaltung der Nadel ein. Eine hochkant gestellte Magnetnadel tritt erstmalig bei einem aus der Zeit um 1780 stammenden Hängekompaß auf, der sich im Germanischen Museum zu Nürnberg befindet. 1 J. Studer, ein noch bei den „Eisenscheiben“ zu nennender Freiberger Mechaniker, wandte ebenfalls 1811 statt der flach ausgeführten Magnetnadeln hochkantige Magnetnadeln an, die beim Schwingen in der Kompaßbüchse infolge Luftdämpfung rascher zur Ruhe kommen als flachliegende Nadeln. Um 1860 erhielt der Hängekompaß seine letzte Form, indem der Freiberger Mechaniker Osterland auch den unteren Teil des Hängeringes wegließ (Entwicklungsreihe II, unten rechts) und die beiden Hakenarme starr mit dem Kompaßring verband.
Der Meßvorgang mit dem Hängekompaß ist seit Rösslers und des wahrscheinlichen, unbekannten österreichischen Erfinders Zeiten bis auf heute unverändert gebheben. In die Zimmerung der Grube werden Verziehschrauben eingeschraubt und hänfene Schnüre straff gespannt. Mit dem Hängekompaß bestimmt man das Streichen der Schnur, mit dem Gradbogen ihren Tonlagewinkel, und mit Maßstab, Meßkette oder Meßband ihre Länge. Diese Daten werden in das Zugbuch eingetragen und dienen für das spätere „Zulegen“ der Züge, nachdem man Ebensohle und Seigerhöhe mittels trigonometrischer Formeln oder aus Tafeln auf einfache Weise bestimmt hat.
Als Fehlerquellen beim Kompaßzug sind die Unsicherheit der Ablesung und der Einfluß störenden Eisens anzusehen. Der Vorteil eines Kompaßzuges ist jedoch der, daß sich die Unsicherheit einer Ablesung bekanntlich nicht in das nächste Streichen hinein fort pflanzt. Diesem Umstande verdanken die alten Grubenkarten ihre verhältnismäßig große Genauigkeit.
Wenn wir nun, wie in den vorigen Abschnitten, eine Entwicklungsreihe der Hängekompasse aufstellen wollen, so sehen wir folgendes Bild der Entwicklungsreihe II.
In Österreich sind bergmännische Kompasse mit quadratischem oder recht-
1 C. Krause, Geschichte, 1. c., S. 37.