Aufsatz 
Bahnbrecher auf dem Gebiet des Geschützwesens / von Oswald Dirmoser
Entstehung
Seite
56
Einzelbild herunterladen

56

Bahnbrecher auf dem Gebiet des Geschützwesens.

geschosse beherrscht, die zweite, etwa 100 Jahre alte, durch den gezogenen Hinter­lader und Stahl als Rohrmaterial und durch Langgeschosse gekennzeichnet, wenn sich daneben auch die Bronze noch bis in den Weltkrieg hinein behauptet hat. Denn das erste Gußstahlgeschützrohr, dieser Vorläufer der Riesengeschütze der Gegenwart, wurde im Jahre 1847 von Alfred Krupp fertiggestellt.

Über die erste Entwicklungsperiode kann trotz ihrer langen Dauer rasch hinweggegangen werden. Es wäre aber ein Zeichen von Selbstüberhebung, wenn wir die Leistungen der Vorgänger gering einschätzen wollten. Denn auf keinem Gebiete der Technik war der Weg des Fortschrittes mit so vielen Opfern an Menschenleben verbunden ganz abgesehen natürlich von den Kriegsopfern und mit so großem materiellen Aufwand verknüpft, vie gerade im Geschütz wesen. Gefährliche Arbeiten und schwerste Aufwendungen unserer Vorfahren waren not­wendig, um die Grundlagen für die Weiterentwicklung der Artillerie in der zweiten Epoche zu schaffen.

tfmrxBvx rvBo

mm

Bild 2. Hinterladekanone aus 1556.

Zur Zeit des Aufkommens der ersten Feuerwaffen wurde die Geschütz- und Pulvererzeugung nur von wenigen ausgeübt, die sich nach dem Brauche der da­maligen Zeit zu einer Gilde zusammenschlossen und ihre Kunst, wozu auch die Be­dienung und Handhabung der Geschütze gehörte, nach Bedarf vermieteten. Re­gierende Fürsten und das Bürgertum der Städte, die gar bald die große Bedeutung dieser neuartigen Schießgeräte für ihre Zwecke erkannten, nahmen solche Zünftler ständig in ihre Dienste.

Erst die Kriege an der Wende des 15. zum 16. Jahrhundert zeitigten das Be­dürfnis, das Geschützwesen von einer ihre Kunst frei ausübenden Gilde zu trennen und* zu einem wesentlichen Bestandteil des Heeres zu machen. Dazu war aber eine gewisse Einheitlichkeit in Werkstoff und Bauart der einzelnen Geschützgattungen erforderlich; denn bisher erzeugte jeder Büchsenmeister und jede Stadt die Ge­schütze nach eigenem Gutdünken, weshalb jedes Stück durch seinen Erzeuger individuell behandelt und bedient werden mußte.

Kaiser Maximilian I., der Schöpfer des regulären deutschen Heerwesens (Bild 1), griff in dieser Hinsicht ein und ordnete an, daß die Artillerie der Städte und Länder die von ihm für die Geschützerzeugung aufgestellten Normen zu be­folgen habe. Durch diese technische Maßnahme war die Grundlage für die Möglich­keit einer Organisation im Geschütz wesen geschaffen. Das Bild 2 zeigt eine Hinterladekanone aus 1556 mit einem Keilverschluß, der aus der Neben Zeichnung ersichtlich ist.